Lübecker Eisenbahn-Zeitung

Nr. 286 vom 7. December 1894 Seite 2

Bilder aus dem preußischen Unteroffizierkorps.

Von Graf Günther Rosenhagen.


II.
Der Schießunteroffizier.


Auf der Stube 28 herrscht feierliche Stille. Leise, auf den Zehenspitzen gehen die Leute einher und wagen sich nur flüsternd zu unterhalten. Von Zeit zu Zeit wirft jemand einen scheuen, ängstlichen Blick nach der Ecke des Zimmers, die durch quergestellte Schränke abgeschlossen ist und einen besonderen "Verschlag" bildet. Hinter dem grünen Vorhang, der den Eintritt in das Allerheiligste schließt, "liegt" der Schießunteroffizier. "Liegen" ist beim Militär der terminus technicus für Wohnen.

Soeben betritt ein Soldat pfeifend die Stube, aber hinter dem Vorhang ertönt sofort ein lautes "Ruhe bitte ich mir aus" und der also Angerufene blickt fragend seine Kameraden an: "Was ist denn los ?"

"Hei treckt de Schießer aus."

Der Andere macht ein verständnißinniges Gesicht, er hat den tiefen Sinn der wenigen Worte sofort erfaßt, und leise geht er an sein Spind.

Morgen früh ist Schießen, da giebt es für den Schießunteroffizier eine Menge zu thun, dazu gehört in erster Linie das "Schießer herausziehen".

Die Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften einer Kompagnie sind in drei Schießklassen eingetheilt. Zur zweiten Schießklasse gehören die Leute des jüngsten Jahrgangs, die Rekruten. Die Zweijährigen bilden die erste, Unteroffiziere und Offiziere die besondere Klasse. Die Übungen der verschiedenen Klassen bestehen aus Vor- und Hauptübungen, und der Übergang von einer Übung zur anderen, oder die Versetzung aus einer Schießklasse in die höhere erfolgt erst, wenn der Mann die einzelnen Bedingungen erfüllt hat.

Bei dem jedesmaligen Schießen auf dem Scheibenstand werden die von jedem einzelnen Schützen abgegebenen Schüsse in die Schießkladde eingetragen und zu Hause in das Hauptschießbuch eingetragen. In dem Hauptschießbuch sind die Namen sämmtlicher Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften der Kompagnie alphabetisch aufgeführt, hinter jedem Namen ist, nach der Schießkladde verzeichnet, die zuletzt geschossene resp. erfüllte Bedingung eingetragen.

Das "Schießer herausziehen" besteht nun darin, daß der Unteroffizier die lange Namensliste von oben nach unten durchgeht und sich seine Notizen macht: "Musketier Alborn schießt zweite Vorübung."   "Musketier Ammer Hauptübung" und so weiter bis zum letzten Mann.

Ist dies geschehen, so werden die einzelnen Schießabtheilungen zusammengestellt, alle Leute, die die ersten zwei oder drei Vorübungen schießen, bilden die erste Schießabtheilung, d.h. sie rücken am nächsten Morgen zuerst nach dem Scheibenstand ab, die Mannschaften der zweiten Schießabtheilung kommen als zweite Kolonne.

Dann gilt es die Abmarschzeiten für die einzelnen Abtheilungen zu bestimmen, die Leute dürfen nicht zu früh kommen, damit sie nicht unnöthig lange herumstehen und müde werden, sie dürfen aber auch nicht zu spät kommen, damit die zweite Abtheilung da ist, wenn die erste "abgeschossen" hat, sodaß jede Verzögerung vermieden wird.

Der Schießunteroffizier stützt sinnend den Kopf auf die Rechte und überlegt sich die Sache: "Um 7 Uhr soll der erste Schuß fallen. Die Abtheilung marschirt eine Stunde, zehn Minuten muß sie sich ausruhen, also Abmarschzeit zehn Minuten vor 6 Uhr. Die erste Abtheilung ist fünfzehn Mann stark, jeder fünf Schuß, macht fünfundsiebzig Schuß, also ungefähr eine Stunde. Sagen wir Abmarsch: eine Stunde später, zehn Minuten vor sieben Uhr."

Dann werden die Scheibenarbeiter bestimmt, Leute, die selbst an jenem Tage nicht zu schießen brauchen, dafür aber, mit zweistündiger Abwechslung, den Dienst in der Anzeigerdeckung versehen. Ferner müssen die Abtheilungsführer, der Schreiber sowie "der Unteroffizier am Pfahl" kommandirt werden, letzterer hat während des Schießens hauptsächlich darauf zu achten, daß jeder Mann nach Abgabe seines Schusses sein Gewehr wieder ladet und zur Vermeidung von Unglücksfällen sofort sichert.

Endlich ist der Schießunteroffizier fertig, er geht, dem Feldwebel hiervon Meldung zu machen und gleich darauf wird auf die Stuben der Befehl gebracht: "Auf dem Korridor antreten." Der Schießunteroffizier verliest seine Liste, Jeder, der aufgerufen wird, antwortet mit "Hier". Fehlt der Eine oder der Andere, so antwortet für ihn sein Korporalschaftsführer, der dann dafür verantwortlich ist, daß dem Abwesenden der Befehl rechtzeitig überbracht wird.

Am nächsten Morgen in aller Frühe, wenigstens zwei Stunden vor Beginn des Dienstes, macht sich der Schießunteroffizier mit den Scheibenarbeitern auf den Weg, denn es giebt noch viel zu thun, bevor das Schießen beginnen kann. Auf dem Schießstand angekommen, betritt er zunächst die "Scheibenbude". Hier lagert Alles, was nöthig ist: Die verschiedensten Scheiben, die Zielpfähle, auf die das Gewehr, falls man nicht "freihändig" schießt, aufgelegt wird, die Matten, Kleister, um die Schießlöcher zu verdecken, der Spiegel, der in der Anzeigerdeckung angebracht wird, damit die Arbeiter jeder Zeit sehen können, wenn bei den Schützen ein Zeichen gegeben wird, und vieles Andere. Dann werden den Patronenkasten die Patronen entnommen und der große Holzkasten sorgfältig wieder verschlossen, denn der Unteroffizier ist für jede der vielen tausend Patronen, die er unter sich hat, verantwortlich. Jetzt beginnt das Aufbauen der Scheibe, die mit Nägeln, Keilen und Tauen an dem Wagen befestigt wird, der, so oft ein Schuß gefallen, in die Deckung gezogen wird, um das Treffresultat feststellen zu können.

Die Arbeiter sind gerade mit ihren Vorbereitungen fertig, als auch schon die erste Abtheilung auf den Stand kommt, und wenige Minuten später erscheint der Offizier, der die Aufsicht hat. Der Unteroffizier tritt auf ihn zu und meldet: "Zum Schießen Alles bereit. Es sind zur Stelle zweihundert Patronen."

"Gut, lassen Sie anfangen."

"Die ersten 5 Mann vor," kommandirt der Unteroffizier und einen Augenblick später fällt der erste Schuß.

Nächst dem Kompagniechef liegt es besonders dem Schießunteroffizier ob, die Leute im Schießen auszubilden. Während des Rekrutenexerzierens im Winter leitet er das Zielen und weiht die Neueingestellten in die Theorie des Schießens ein. Er ist glückselig über seine Erfolge, die Leute bleiben ihm auf seine Frage keine Antwort schuldig; wie sie es machen sollen, wissen sie ganz genau. Aber wenn sie zum ersten Mal das Gewehr mit der scharfen Patrone im Lauf in die Hand bekommen, ist Alles vergessen und jedes Jahr schwört der Schießunteroffizier bei Allem, was ihm heilig und profan, daß er noch nie so unsagbar ungeschickte und ängstliche Menschen unter sich gehabt habe, wie gerade jetzt. Und doch gilt es, nie die Geduld zu verlieren, immer ruhig bleiben, immer wieder zeigen und erklären, denn als alter Praktikus weiß er ganz genau, daß Schelten und Tadeln die Leute nur noch unruhiger und ängstlicher macht. Für die Beurtheilung einer Compagnie sind die Leistungen im Schießen hauptsächlich maßgebend, deshalb wird gerade diesem Dienstzweige die größte Sorgfalt gewidmet.

Besondere Unruhe ergreift die Schießunteroffiziere, wenn das jährliche Prüfungsschießen in der Armee oder das Vergleichsschießen im Bataillon herannaht. Dann gilt es, noch einmal mit den Leuten das Zielen durchzunehmen, da werden Anschlags- und Gewehrübungen gemacht, mit Platzpatronen und Zielmunition geschossen, da ist er vom frühen Morgen bis zum Abend thätig. Bricht der große Tag herein, so ermahnt er nochmals Alle, vor allen Dingen ruhig zu bleiben, keinen Schuß leichtsinnig abzugeben und den Muth nicht zu verlieren, wenn auch 'mal einer "in die Wicken" d.i. in die Luft geht. Vor allen Dingen sorgt er dafür, daß genügend "Zielwasser" auf dem Stand ist. Sobald Jemand einen schlechten Schuß abgegeben hat, tritt er mit dem Wasserkrug in der Hand auf ihn zu: "Trink 'mal, mein Sohn, das beruhigt die Nerven, das Blut, das Auge und die Muskulatur." Sein Ehrgeiz geht dahin, der Beste zu werden, denn was die Mannschaften leisten, fällt auf ihn zurück und das Lob und die Anerkennung der Vorgesetzten ist das Höchste, dessen ein Soldat theilhaftig werden kann.

Außer für die Schießausbildung ist der Schießunteroffizier für sämmtliche Waffen der Compagnie verantwortlich. Bei den Gewehr-Appells, die mehrmals in der Woche stattfinden, dürfen die Waffen keine Schäden aufweisen, ein altes Wort sagt: "Der beste Freund des Soldaten ist sein Gewehr" und dem entsprechend muß es mit Liebe und Sorgfalt behandelt werden. Ist an einem Gewehr etwas kaput gegangen, so muß er dafür sorgen, daß es sofort in die Büchsenmacherei kommt, wo der Schaden reparirt wird. Über jedes Gewehr der Compagnie muß er ein besonderes Nationale führen.

"Gewehr Nr. 24, angefertigt in Spandau, 1890, Kolbenblech bestoßen, Ladestock verbogen, Schrammen im Lauf u.s.w.". Dies geschieht, damit der Mann, an dessen Gewehr irgend etwas gefunden wird, nicht die beliebte Ausrede vorbringen kann: es war schon lange gewesen.

Bei jeder größeren Revision, die seitens der Waffen-Reparatur-Kommission stattfindet, muß der Schießunteroffizier zugegen sein und auf jede Anfrage Rede und Antwort stehen können. Auch die Kammergewehre unterstehen ihm; es sind dies die Gewehre, die von der Kompagnie auf der Kammer aufbewahrt und erst bei der Einziehung der Reserven ausgegeben werden. Jedes Gewehr muß sich in einem derartigen Zustand befinden, daß es jeder Zeit in Gebrauch genommen werden kann.

Werden Patronen empfangen oder wird Leinöl zum Einölen der Gewehrschäfte ausgegeben, so ist der Schießunteroffizier zur Stelle und erkennt durch seine Unterschrift an, daß er Alles richtig erhalten hat.

Am meisten Arbeit verursacht jedem Schießunteroffizier die Führung des Kompagnie-Schießbuches, von dem wir schon oben sprachen. Dasselbe muß tadellos sauber und genau geschrieben sein und darf keine Korrekturen oder Streichungen enthalten. Von Zeit zu Zeit wird es dem Regimentskommandeur vorgelegt, der es dann einer genauen Durchsicht unterzieht und immer noch etwas auszusetzen findet: "Hier ist vergessen, das Wetter einzutragen",   "hier fehlt die nähere Bezeichnung, ob die 9 hoch, kurz, rechts oder links sitzt. (Siehe Schießvorschrift)". – Gar keinen Vermerk im Schießbuch zu erhalten, ist der sehnlichste Wunsch aller Schießunteroffiziere. Diesem Ziel widmet er alle seine Zeit und Kraft, oft sitzt er bis in die Nacht hinein mit der Führung der Bücher beschäftigt, bis ihm die Augen zufallen oder das Licht der Lampe erlischt. Dann legt er sich schlafen, ruht aus von seinem mühseligen Tagewerk. Aber plötzlich fährt er aus dem Schlummer jäh in die Höh, ihn hat geträumt, er hätte das Tintenfaß über das Schießbuch gegossen. Beruhigt legt er sich endlich wieder nieder, bis die Klänge der Reveille ihn von Neuem an die Arbeit rufen.



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© Karlheinz Everts