Die Wartefrau.

Von Freiherrn v. Schlicht.

in: „Kölnische Zeitung” vom 1. und 2.Sept. 1898
und in: „Armeetypen”


Von allen Beschäftigungen, die es auf dieser Thränenwelt gibt, ist entschieden keine so langweilig wie das Warten. So eine schöne Leserin dies nicht glauben sollte, bitte ich sie, auf die nächste Compagniekammer zu gehen, sich dort einen Wachanzug zu verpassen und dann als Posten aufzuziehen. Mit dem Gewehr unter dem Arm möge sie denn vor dem Hause des Herrn Oberst auf- und abgehen und darauf warten, bis sie abgelöst wird: dann wird ihr die Wahrheit meiner Behauptung klar werden. Einmal(1) habe ich auf Posten gestanden und gewartet. Um zwei Uhr wurde ich „aufgeführt”, das verschlossene Thor, das ich behüten sollte, lag höchstens zwanzig Schritt von dem Wachtraum entfernt, aber ich durfte nicht allein hingehen, das war gegen die „Instrukschon”, ein Gefreiter führte mich auf, stolz ging er voran, traurig schlich ich mit drei Schritt Abstand hinter ihm her und gelangte so an den Ort meiner Bestimmung. Bewaffnet mit dem Infanteriegewehr M. 71/84 stand ich nun auf dem meinem persönlichen Schutz anvertrauten Stück Erde und wartete — nicht darauf, daß aus dem Gebüsch, das nirgends zu erblicken war, ein Räuber mit hochgeschwungener Keule auf mich losstürzen würde, um mir meinen Beobachtungspunct zu entreißen, ach nein, ich wartete einfach darauf, daß es vier Uhr würde, daß meine zwei Stunden um wären. Da konnte ich lange warten, allerdings ja nur zwei Stunden, aber wie lang ist mir diese sonst so kurze Spanne Zeit geworden. Nach meiner Meinung hätte ich unterdes dreimal mit einem Bummelzug um die Welt herumfahren können. Endlich glaubte ich, man hätte vergessen, mich abzulösen, ich sah nach der Uhr und meine Haare sträubten sich, denn von den zwei Stunden waren genau 38¾ Minuten verflossen. Ich stieß einen Schrei der Verzweiflung aus und tanzte wie ein Wilder hin und her. Der Wachthabende schickte darauf einen Mann der Wache und ließ fragen, was denn los sei. Um nicht in den Kasten zu fliegen, log ich etwas von starker Kolik und erhielt gleich darauf den tröstlichen Bescheid, der Herr Unterofficier habe gesagt, so etwas gäbe es auf Posten nicht. Da wartete ich denn weiter, und als ich endlich abgelöst wurde, wartete ich, bis ich wieder aufgeführt wurde — so ging das geschlagene 24 Stunden hindurch, und als ich endlich abends in meinem Commißbett lag, war ich zerschlagen an Leib und Seele.

Mich tröstete nur eins, daß ich das Schrecklichste der Schrecken durchgemacht hatte und daß eine Steigerung unmöglich sei. So dachte ich, aber was ahnt das Herz eines Avantageurs von dem, was ihm in seiner militärischen Laufbahn noch bevorsteht. Beim Militär wird entsetzlich viel gewartet, und wenn man alle Zeit, die man als Soldat mit der geistreichen Beschäftigung des Wartens zubringt, zusammenrechnet, so würde eine Zahl herauskommen, die selbst der stärkste Rechenkünstler nicht in seinem Kopfe behalten könnte, er würde verrückt werden, eine Quadratwurzel ausziehen und sich diese ins Herz stoßen. Die Vorgesetzten, die in diese Hinsicht Großes leisten, führen den Beinamen: die Wartefrau. So angenehm und nützlich eine solche Frau im bürgerlichen Leben zuweilen sein kann, so grausig ist sie, wenn sie Hosen und Sporen trägt.

Der Hauptmann geht mit seinem Feldwebel auf dem Casernenhof auf und ab, beide sind gewaltig fleißig, sie regieren. Das ist nicht so leicht wie es aussieht und dem Hauptmann entrinnt mancher laute Fluch, während der Feldwebel ihn vorläufig in seinem Busen still verwahrt, um ihn hinterher mit einem „Kreuzhimmel­donnerwetter” doch einmal auf die Köpfe seiner Kinder bei der Parole-Ausgabe niedersausen zu lassen. Endlich ist alles erledigt, was der Feldwebel notirt hatte. Der Hauptmann wendet sich zum Gehen.

Sonst noch etwas? fragt er vorsichtshalber.

Den Dienst für morgen, Herr Hauptmann.

Wieder entfährt des Hauptmanns Lippen ein Fluch: Natürlich, ja, das hatte ich ja total vergessen. Gut, daß Sie mich daran erinnern. Was machen wir denn morgen?

Wir kommen heute Mittag auf Wache.

Richtig, ja. Wie viel Leute haben wir denn morgen früh zum Dienste?

Sechszehn, Herr Hauptmann.

Das ist zu wenig, um etwas zu thun, zu viel, um nichts zu thun. Können wir nicht noch ein paar Leute abcommandiren, damit man morgen früh endlich einmal ausschlafen kann? Ich weiß gar nicht mehr, wie mein Bett nach fünf Uhr morgens überhaupt aussieht.

Der Feldwebel überlegt sich die Sache.

Es geht nicht, Herr Hauptmann; wenn der Herr Oberst morgen auf den Casernenhof kommen sollte und sich den Rapport zeigen läßt, wird es so wie so schon einen bösen Krach geben, daß wir nicht mehr Leute zum Dienst haben.

Lassen Sie es krachen, Feldwebel, Generalfeldmarschall werde ich doch nicht. Was befohlen ist, bleibt so, und was macht der Rest?

Der kann ja erst Instruction haben durch den Herrn Lieutenant, dann turnen und dann exerciren.

Schön, einverstanden. Zum Exerciren komme ich selbst her, sollte ich nicht rechtzeitig hier sein, so soll der Herr Lieutenant anfangen, ich komme auf jeden Fall.

Als der Häuptling am Abend in sein Bett steigt, gedenkt er, obgleich weder geistig noch sonst irgendwie mit dem großen Wallenstein verwandt, einen langen Schlaf zu thun. Er hat ausdrücklich Befehl gegeben, ihn nicht zu wecken — wie er einschlafen will, fällt ihm ein, daß er morgen um 9 Uhr bei dem Exerciren zugegen sein will. Ach was, denkt er, das soll mir den Schlummer nicht rauben, der Lieutenant kann warten.

Der Lieutenant kann nicht warten, er muß sogar warten, was bleibt ihm weiter übrig, da der Hauptmann ihm hat sagen lassen, daß er auf jeden Fall käme. Mit seiner Schachtel Bleisoldaten, wie er ingrimmig die seiner Obhut anvertrauten Leute nennt, exercirt er nun schon zwei Stunden, er weiß gar nicht mehr, was er mit den Leuten anfangen soll. Alle fünf Secunden sieht er nach der Uhr, einmal muß der Hauptmann doch kommen, aber er kommt immer noch nicht. Der Lieutenant wartet weiter. Da sieht er endlich, wie der am Portal stehende Posten die treue Flinte mit blitzartiger Geschwindigkeit auf die linke Schulter schiebt, sie dann wieder herunterzieht, das Gewehr präsentirt und mit einem hörbaren Ruck den Kopf nach rechts wirft. Gleich darauf erscheint, ganz gemütlich seine Cigarre rauchend, der Herr Hauptmann auf dem Casernenhof. Der Lieutenant ruft im Innern seines Herzens dreimal Hurrah und stürzt auf seinen Vorgesetzten los, um ihm zu melden. Der aber ist äußerst gnädig, denn er hat sich sein Bett auch nach fünf Uhr morgens, wie er es wollte, einmal wieder angesehen, hat dann in Ruhe seinen Mokka getrunken und ist nun ganz ausgezeichnet bei Laune. In der gehobenen Stimmung, in der er sich befindet, will er seinem Unterthan keine Unbequemlichkeiten bereiten. Von weitem schon winkt er ihm zu: Danke, danke, bitte, bemühen Sie sich meinetwegen nicht.

Unentwegt aber stürzt der Lieutenant weiter auf ihn los.

Ich danke aber wirklich, Herr Lieutenant.

Da muß er, so schwer es ihm auch wird, innehalten in seinem Lauf. Unwillig macht er kurz Kehrt und geht zu seinen Leuten zurück, dann ruft er seinen Unterofficieren zu: Sehen Sie noch einmal die Stellung unter den verschiedenen Gewehrlagen nach, aber bitte sehr genau!

Die Worte „sehr genau” braucht er absichtlich — es ist nämlich schon das vierte Mal, daß er am heutigen Vormittag Stellung nachsehen läßt, er weiß ganz genau, daß die Unterofficiere eben so wenig Lust mehr haben wie er und daß die Leute noch viel weniger Lust haben — aber Dienst ist Dienst und was gemacht wird, muß ordentlich gemacht werden. Während die Leute unter „Gewehr über” dastehen und sich von ihren Unterofficieren zum vierten Mal am heutigen Vormittag sagen lassen, daß sie von Secunde zu Secunde krümmer und verbogener werden, geht der Lieutenant anscheinend sehr diensteifrig auf und ab.

Ich werde mir die Stellung der Leute einmal von hinten ansehen! ruft er den Unterofficieren zu und geht nicht vor, sondern hinter die Glieder. Das hat seinen guten Grund — von hier aus kann er seinen Hauptmann beobachten und kann sehen, ob und wann dieser kommt. Damit hat es aber noch gute Zeit. Sein Hauptmann steht mit einem anderen Häuptling im fröhlichsten Gespräch — sein heiteres Lachen klingt bis zu den Exercirenden hinüber, jetzt zündet er sich eine neue Cigarre an und nun hört der Lieutenant seinen Hauptmann sagen: Kommen Sie, wir wollen einen Augenblick ins Casino gehen und einen Schnaps trinken.

Der Lieutenant stöhnt vor unnennbarem Weh: er kennt seinen Hauptmann und weiß, was bei dem ein Schnaps bedeutet. Aus dem einen werden drei und diesen folgt dann eine Flasche Rotwein. Der Lieutenant möchte seinen Vorgesetzten so gern zurückhalten, wenigstens so lange, bis er entlassen ist — aber schon sind die beiden Herren im Casino verschwunden. Der Zeiger der Uhr geht seinen ihm vorgeschriebenen Weg, wieder ist eine Stunde verflossen, es ist gleich zwölf Uhr. In seinem Magen und in den seiner Leute gähnt Leere. Nach einer weiteren Viertelstunde packt ihn die Verzweiflung, er ruft sich einen tüchtigen Gefreiten heran und schickt ihn ins Casino, um anfragen zu lassen, ob er wegtreten lassen könne. Der Gefreite fliegt davon und kehrt mit der Meldung zurück: der Herr Hauptmann käme sofort, der Herr Lieutenant möchten noch einen Augenblick warten.

Ach, ein Augenblick ist manchmal länger als eine Ewigkeit. Endlich, endlich erscheint der Hauptmann, gemütlich seine Cigarre rauchend, und nähert sich im gemütlichsten Bummeltempo der Abteilung. Der Lieutenant rast ihm entgegen: Ich bitte ganz gehorsamst, die Leute forttreten lassen zu dürfen.

Guten Morgen, wie gehts Ihnen, gut? Na, das freut mich, kommen Sie noch einen Augenblick mit ins Casino.

Können die Mannschaften wegtreten, Herr Hauptmann?

Wenn ihnen die Beine nicht abgestorben sind, werden sie es schon können, lautet die gemütliche Antwort.

Dürfen sie wegtreten? fragt der Officier.

Ja.

Dieses Ja klingt so ruhig , so phlegmatisch, so gleichgültig wie nur irgend etwas auf dieser Welt und doch haben auf dieses eine Wort zwanzig Menschen seit mehreren Stunden voller Ungeduld gewartet. Daß solche Vorgesetzte nicht gerade dazu beitragen, ihren Unterthanen das Leben schön und angenehm zu machen, ist ja klar, aber man kann ihnen daraus keinen Vorwurf machen, sie können nicht anders, warten und warten lassen ist ihre Devise. Zuweilen liegt das Warten und Wartenlassen aber auch an der Untüchtigkeit, Unentschlossenheit und Zaghaftigkeit der betreffenden.

*

Es ist der zweite Tag der Divisionsmanöver, denen Seine Excellenz der commandirende General des Armeecorps mit seinem ganzen Stabe beiwohnt. Die beiden Divisionen bilden eine Nord- und eine Südpartei. Gestern hat Seine Excellenz sich bei „Nord” aufgehalten, heute wird er „Spüd” mit seinem Besuche beehren. In langen Colonnen ziehen die Truppen der Division ihren verschiedenen Sammelplätzen entgegen und treffen nicht nur pünctlich, sondern noch viel vor der befohlenen Zeit ein, dennoch aber werden sie bereits mit großer Ungeduld erwartet und „die Wartefrau” ist in diesem Falle Seine Excellenz der Herr Divisions­commandeur. Seine Excellenz haben große und schwere Sorgen: zunächst bedrückt ihn der Umstand, daß der Commandirende ihn besuchen und sich von seiner Tüchtigkeit überzeugen will. Aber noch viel Schlimmeres quält sein armes Herz: er ahnt nicht, wo der Feind ist. Warum konnte der commandirende General nicht am gestrigen Tage sich bei Süd aufhalten und dem siegreichen Vordringen seiner Truppen beiwohnen, das damit endete, daß „Nord” sich in wilder Flucht zurückzog und aus jeder Stellung, wo er sich wieder festzusetzen versuchte, geworfen wurde? Nach und nach versammeln sich die berittenen Herren um den Divisions­commandeur:

Sind die Herren alle da? Ja? Danke sehr. Meine Herren, Sie sehen mich in begreiflicher Aufregung. Meine Herren, der Feind ist verschwunden, spurlos verschwunden. Gestern Abend noch war ich über seine Aufstellung aufs genaueste unterrichtet und jetzt? Der Gegner hat seine Stellung geräumt, er ist einfach von der Erdoberfläche verschwunden — es scheint fast, daß er sich nach der gestrigen gänzlichen Niederlage ein Loch in die Erde gegraben hat und darin verschwunden ist. Aber nicht einmal ein frischer Erdaufwurf ist zu entdecken!

Die Herren glauben, daß Excellenz geruht habe, einen Witz zu machen, und das pflichtschuldige Lächeln legt sich um alle Lippen. Das aber nimmt Seine Excellenz sehr übel.

Meine Herren, der Augenblick wäre zum Scherzen sehr schlecht gewählt und ich wüßte wirklich nicht, welches meiner Worte Ihre Lachlust hätte erwecken können. Oder lachen die Herren vielleicht darüber, daß der Feind spurlos verschwunden ist? Auch darin kann ich nichts Lächerliches finden — im Gegenteil, ich finde es sehr, sehr traurig. Augenblicklich ist nicht die Zeit dazu vorhanden, aber verlassen Sie sich darauf, meine Herren, ich werde Zeit finden, um festzustellen, wen die Schuld trifft, ich werde es schon herausbekommen, wer seine Pflicht so weit vernachlässigt hat, daß der Feind unbemerkt seine Stellung räumen konnte. Mich trifft keine Schuld, höchstens die, daß ich solche Officiere in meiner Division dulde, geduldet habe. Ob ich sie auch fernerhin dulden werde, ist eine Sache, die hier nicht hergehört.

Seine Excellenz schweigt und sieht sich um: dieses Mal ist aber kein lächelndes Gesicht zu erblicken. Er wendet sich an seinen Adjutanten: Bitte lesen Sie den von mir gegebenen Befehl für den heutigen Tag vor.

Es geschieht und eifrigst sucht ein jeder auf der Karte sich die Kriegslage zu vergegenwärtigen.

Hat einer von den Herren noch eine Frage? Sind die Herren von der Cavallerie genau orientirt? Es kommt mir darauf an, so schnell wie möglich, wenn es sein kann noch vor dem Eintreffen Seiner Excellenz des commandirenden Herrn Generals, Nachrichten über den Feind zu erhalten., wissen Sie Bescheid? Ja? Dann bitte los.

Aber es geht noch nicht los, ach nein. Zuerst conferirt der Oberst noch mit seinen Rittmeistern, dann die Rittmeister mit ihren Lieutenants, die Lieutenants sodann mit ihren Unterofficieren. Ist das erledigt, so werden die Meldereiter und Patrouillen betimmt — eine Viertelstunde ist verflossen, die Cavallerie ist noch nicht einmal aufgesessen. Wie im Ekkehard der Alte aus der Heidenhöhle mit seinem Dienstmann zwischen die Hunnen fährt, so fährt jetzt der Divisions­commandeur mit seinem Adjutanten zwischen die Cavallerie.

Herr Oberst, Herr Oberst, Herrrrr Oooooberst! — Im Galopp kommt der dem Rufer entgegengeritten.

Euer Excellenz befehlen?

Herr Oberst, worauf warten Sie noch? Ich habe Ihnen doch ausdrücklich befohlen, sofort anzureiten.

Zu Befehl, Euer Excellenz, ich warte nur . . .

Sie haben gar nichts zu warten, Herr Oberst! donnert Se. Excellenz, ich aber warte auf Ihre Meldungen, Herr, reiten Sie!

Zu Befehl, Euer Excellenz. An die Pferde! Aufgesessen! Escadron zu dreien rechts brecht ab. Excadron, Galopp marsch!

Nur erst fort aus den Augen des Jupiter tonans, — wenn man nicht mehr gesehen wird, verwandelt sich der Galopp von selbst in einen ruhigen, gemütlichen Trab. Eine Viertelstunde, nachdem die Cavallerie sich in Bewegung gesetzt hat, tritt der Rest der Division an. Lange hat Se. Excellenz geschwankt, welchen Weg er einschlagen soll, und nicht ohne Grund. Wenn man nicht allein durch die Welt zieht, sondern wenn einige Tausend Mann, errötend von der Sonnenhitze, unseren Spuren folgen, da kann man nicht einfach sagen: „Kinder, nehmt es mir nicht übel, hier ist er nicht, wir wollen ihn mal wo anders suchen.” So zu sprechen hätte auch keinen Zweck, denn es würden nur ganz wenige hören, sintemalen eine marschirende Division mehrere Kilometer lang ist, die Tiefe eines Armeecorps mit allen Trains beträgt sogar vierundfünfzig Kilometer. Kehrtmachen gibt es da nicht, man muß bleiben, wo man ist, und hat man den falschen Weg eingschlagen, so läßt sich das nicht mehr ändern, es ist das dann, wie man zu sagen pflegt, „Pech für die Familie”.

Todesmutig zieht die Division dem Feind entgegen. Allen voran eilet die Excellenz mit ihrem Stabe, und immer wieder zählt sie an den Knöpfen des Waffenrockes ab: „Finde ich ihn hier oder finde ich ihn hier nicht?” Und die Excellenz hat Glück, sie ist auf dem richtigen Wege, von allen Seiten kommen die Meldungen der Cavallerie, die die genauesten Nachrichten über den Feind bringen. Als Se. Excellenz der commandirende Herr General erscheint, ist der Divisions­commandeur genau informirt und die höchste Excellenz kann nicht umhin, der niedern Excellenz ihre höchste Anerkennung auszusprechen.

Bald darauf tobt die Schlacht, — nur an einem Ort herrscht tiefster Friede. Dort hinten am Waldsaum hat ein Bataillon die Gewehre zusammengesetzt, die Leute haben sich in den Schatten gelegt und schnarchen miteinander um die Wette, die Lieutenants haben sich um ihren Major herumgelagert, lassen die Cognac- und die Rotweinflasche kreisen, rauchen eine Cigarre nach der andern, weil man nicht gut alle auf einmal rauchen kann, und erzählen sich die unglaublichsten Geschichten. Sollte einer laut oder leise fragen, was dieses Bataillon vorstellt, so sei es ihm unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit hiermit anvertraut: es ist die Specialreserve Sr. Excellenz.

Herr Major, hat der Divisions­commandeur zu dem Führer dieser kleinen, aber auserlesenen Heldenschar gesprochen, Sie übernehmen die Specialreserve und bleiben zu meiner ganz alleinigen Verfügung. Sollte der Gang des Gefechtes es aber erforderlich machen, so können Sie natürlich aus eigener Initiative eingreifen — selbstverständlich aber müssen Sie mir dann sofort Meldung schicken.

Der Herr Major hatte sein „Zu Befehl” geantwortet und war dann mit seinem Bataillönchen abgerückt. Nun liegt er hier schon drei Stunden und wartet weitere Befehle ab; selbständig in den Gang des Gefechtes einzugreifen, daran denkt er gar nicht, da wäre er ja schön dumm. Da kommt ein Adjutant angesprengt, sogar ein ganz hoher, mit roten Hosen, ein Generalstabsofficier.

Mwldung von Sr. Excellenz dem Herr Divisions­commandeur. Das Batillon tritt wieder unter den Befehl des Regiments, Se. Excellenz hat sich eine andere Specialreserve ausgeschieden.

Und fort ist der Adjutant wieder. Verwundert sieht der Herr Major dem Davonreitenden nach.

Nanu, was fällt denn der Excellenz ein? Wie komme ich plötzlich dazu, nicht mehr Specialreserve zu sein? Da hört sich doch wirklich Verschiedenes auf. Ich stehe wieder unter dem Befehl des Regiments — sehr schön — aber wo in Europa ist denn augenblicklich das Regiment?

Soll ich mal hinreiten, Herr Major? fragt der Adjutant, soll ich den Herrn Oberst aufsuchen?

Aber wo denken Sie denn hin, es ist sehr freundlich von Ihnen, mein Lieber, aber nein, bleiben Sie nur hier; wenn der Herr Oberst etwas will, kann er seine eigenen Adutanten schicken. Wir bleiben ruhig hier und warten weitere Befehle ab.

Der Herr Major wartet, und immer heißer tobt die Schlacht. Ueber die Heide kommt langsam, aber unsicher ein Radfahrer. Alle zehn Schritte fällt das Stahlroß um und mit ihm der kühne Reiter.

Der Mann ärgert mich, spricht der Major, denn ohne daß ich weiß, was er will, weiß ich, daß er etwas von mir will.

Drei Schritt vor dem Major wirft der Radfahrer zum letzten Mal um, und weil er doch absteigen muß, wenn er mit dem Vorgesetzten spricht, bleibt er gleich unten.

Befehl vom Herrn Oberst: das Bataillon bildet die Reserve des Regiments.

Schön, und weiter?

Weiter hat der Herr Oberst nichts gesagt.

Dann ist es gut, mein Freund, du kannst wieder nach Hause fallen.

Während der Radler nach Hause, das ist in diesem Falle zum Oberst zurückfährt, überlegt der Herr Major: que faire? Er entschließt sich, weiter zu warten; der Commandeur weiß ja, wo er ist, er aber weiß nicht, wo das Regiment ist.

Inzwischen nähert sich die Schlacht der Entscheidung. Ebenso wie gestern ist „Süd” auch heute siegreich vorgedrungen — der Herr Divisions­commandeur ist darüber sehr froh und der Stolz schwellt seine Brust; beides ganz ohne jede Berechtigung, denn „Nord” hat den Auftrag, sich in kein ernstes Gefecht einzulassen, sondern auch heute zu weichen, um „Süd”, wenn es ihm in ein für es ungünstiges Gelände gefolgt ist, morgen dafür barbarisch zu schlagen. Das weiß die südliche Excellenz nicht, sie brennt vor Begierde, dem Commandirenden zu zeigen, welche tüchtige Kraft sie ist, sie will mit aller Macht den Gegner zurückwerfen, sobald die Reserve des Regiments eingetroffen ist. Die Specialreserve befindet sich bereits im Kampf.

Die Reserve des Regiments aber kommt nicht. Der Commandeur mustert aufmerksam das Gelände. Excellenz sieht vieles, sogar manches, was sie besser nicht sähe, aber die Reserve des Regiments sieht sie nicht. Zugleich mit der höchsten Excellenz haben auch die „niedern” Excellenzen die Gläser vorgenommen und beschauen sich die Welt. Der Commandirende nimmt zuerst das Wort: Ich begreife nicht, wo die Reserve bleibt, sie muß doch über den Gang des Gefechtes unterrichtet sein; ich möchte nur wissen, worauf sie noch wartet.

Der Divisions­commandeur krümmt sich vor Entsetzen, daß er den Wissensdrang seines Vorgesetzten nicht erfüllen kann, denn der Untergebene hat die Pflicht, alles zu wissen, was der Vorgesetzte wissen will. Er wendet sich an den Brigade­commandeur, der General fragt den Oberst, dieser seinen Etatsmäßigen; kein Mensch weiß es. Niemand hat den Mut, dieses negative Ergebnis der Nachforschungen der commandienden Excellenz zu melden.

Die höchste Excellenz winkt ihrem Ordonnanz-Officier.

Sie sind orientirt, wo die Reserve steht?

Zu Befehl, Euer Excellenz.

Reiten Sie hin. Ich ließe fragen, worauf der Herr Major noch wartete? Bitte los, Carrière.

Und dem Gaul die Sporen gebend, jagt der Galopin davon. Bei dem Sprung über einen ziemlich breiten, nassen Graben trennen sich Roß und Reiter. Hoch auf spritzt das Wasser.

Es scheint, als sollten wir es nicht erfahren, worauf die Reserve wartet, spricht der Commandirende, aber ich will es erfahren.

Er winkt seinem zweiten Ordonnanz-Officier. Bitte, eilen Sie, aber bleiben Sie oben.

Es ist scheußlich, ein Hindernis nehmen zu müssen, bei dem soeben ein Kamerad gestürzt ist, und so schlägt dem zweiten Ordonnanz-Officier das Herz ziemlich, als er gegen den Graben anreitet: er weiß, vieler Augen ruhen auf ihm. Er will an derselben Stelle springen, an der der Kamerad gefallen ist, um seine Kunst zu zeigen; er kann sich auf seine englische Vollblutstute verlassen, die springt wie eine Puppe. Aber er kommt gar nicht zum Sprung. Als er sich dem Graben nähert, klettert der erste Ordonnanz-Officier, mit Schlamm und Schmutz bedeckt, heraus: die Stute scheut und entledigt sich ihres Reiters.

Konnten Sie denn nicht einen Augenblick länger im Wasser bleiben? ruft er zornig dem Kameraden zu; dann aber springt er in die Höhe, schwingt sich wieder in den Sattel, nimmt in famosem Sprung das Hindernis und jagt, ehe Excellenz den dritten Officier absandte, der Reserve entgegen. Wenige Minuten später hält er wieder vor Seiner Excellenz.

Nun, worauf wartet die Reserve?

Auf Befehle, Euer Excellenz.

Worauf?

Auf Befehle, Euer Excellenz.

Alles schweigt, im Kreise stumm
Blicken scheu sie sich um.

Auch die höchste Excellenz sieht sich um; sie blickt den Chef des Stabes an und der versteht den Blick, der da sagt: Ueber den Herrn Major wollen wir uns doch nachher etwas eingehender miteinander unterhalten, der scheint ja die Wartefrau in der Vollendung zu sein, da muß man ihr ja die Wege ebnen, damit sie eine gute Civilstellung annehmen kann. Der Besuch des Ordonnanz-Officiers hat den Major denn doch aus dem Wartesaal, wie er das Gehölz selbst nannte, herausgebracht. In ihm ist das Bewußtsein aufgedämmert, daß es vielleicht doch richtiger gewesen wäre, sich etwas über den Gang des Gefechtes zu unterrichten. Nun sucht er das Versäumte nachzuholen. Er läßt an die Gewehre gehen und tritt mit seinem Bataillon an, er reitet mit seinem Adjutanten weit voraus, dann folgen die Hauptleute, die ihre Compagnien führen, die Spielleute blasen, die Tambours schlagen — die Sache sieht sehr hübsch aus. Im strammsten Parademarsch kommt das Bataillon heran. Immer näher rücken die Truppen, plötzlich machen sie Halt — sie sind vor dem Graben angelangt. Nun aber reißt Seiner Excellenz die Geduld; er setzt sein Pferd in Galopp und gefolgt von seinen Adjutanten sprengt er auf das Bataillon los, nimmt den Graben und reitet auf den Major zu.

Herr Major, worauf warten Sie?

Ich habe den Adjutanten fortgeschickt, Euer Excellenz; ich warte, bis er einen Uebergang gefunden hat.

Wollen Sie nicht lieber warten, bis hier eine Brücke gebaut ist? donnert der Commandirende. Hier gibts kein Warten und kein Halten, hier heißt es einfach rüber.

Und wieder nimmt Se. Excellenz das Hindernis. Der Herr Major sieht es mit Grausen; er nimmt allen Mut zusammen, steigt vom Pferde, klettert zu Fuß durch den Graben und läßt das Bataillon sich folgen. Auf der andern Seite angekommen, überläßt er die Führung dem ältesten Hauptmann und wartet, bis der Gefreite, dem er das Pferd anvertraute, mit dem Gaul über den Graben ist. Anfänglich ist das Pferd etwas wasserscheu, dann aber springt es, den Gefreiten, der sich krampfhaft an den Zügeln hält, mit sich reißend. Schnell klettert der Major wieder in den Sattel und jagt seinen „Trupfen” nach.

Wenn ich Glück habe, komme ich mit meinem Bataillon doch noch zur rechten Zeit, denkt er. Aber er hat kein Glück, der Commandirende läßt „Halt” blasen, weil er der Wartefrau die Gelegenheit nehmen will, zu sagen: ich bin doch noch angekommen.

Dann kommt die Kritik und bei der Kritik erkundigt sich die höchste Excellenz sehr eingehend, auf welche Befehle der Major denn gawartet hätte. Die Wartefrau verteidigt sich so gut, wie sie kann, und geduldig hört die Excellenz zu.

Es ist alles sehr schön und richtig, was Sie sagen, Herr Major, gewiß, ja, aber haben Sie schon einmal davon gehört oder gelesen, daß im Kriege nicht wie im Manöver mit Platzpatronen, sondern mit scharfer Munition geschossen wird?

Der Major kann nicht umhin, zu antworten, daß ihm ähnliches bereits einmal zu Ohren gekommen sei.

Ist Ihnen auch bekannt, daß hin und wieder im Kriege Leute totgeschossen werden?

Der Major kann nicht umhin, zu antworten, daß er glaube, davon schon irgendwo einmal gelesen zu haben.

Ist Ihnen auch bekannt, daß Tote nicht sprechen können?

Der Major erinnert sich, ähnliches schon einmal gehört zu haben.

Und nach diesem halb ernst, halb scherzend geführten Zwiegespräch legt sich das Gesicht Sr. Excellenz in sehr ernste Falten.

Wenn Ihnen das alles bekannt ist, Herr Major, wie Sie sagen — und ich habe keinen Grund, an Ihren Worten zu zweifeln, so muß ich mich um so mehr wundern, daß Sie nicht selbständig handelten, sondern gewartet haben. Wir müssen im Manöver genau so handeln, wie wir es im Ernstfalle thun würden, und ich bitte Sie, zu bedenken, daß ein Commandeur, der gefallen ist, keine Befehle erteilen, und ein Meldereiter, dem unterwegs das Pferd erschossen wird, keine Befehle überbringen kann. Selbst ist der Mann, meine Herren, selbständig müssen wir handeln; wenn wir uns daran nicht bei Zeiten gewöhnen, werden wir im Kriege nicht das leisten können, was mit vollem Recht von uns verlangt wird, verlangt werden muß

Die Excellenz schweigt — für sie ist die Wartefrau erledigt und die Wartefrau betrachtet sich selbst auch als erledigt, sie braucht nun weiter nichts mehr zu thun, als auf ihren Abschied zu warten.

Beim Militär ist eben alles anders als im Civilleben: wer hier eine gute Wartefrau ist, wird gehegt und gepflegt, mit Geld und Geschenken überschüttet, nur damit sie nicht geht und keinen andern Platz annimmt. Die militärische Wartefrau aber wird, sobald sie als solche erkannt ist, so schlecht wie nur irgend möglich behandelt, und geht sie nicht willig, so braucht man Gewalt.


(1) Wenn Schlicht nur „einmal” auf Wache gestanden hat, dann handelt es sich in dieser Erzählung um die gleiche Wache wie in „Auf Wache”. (Zurück)


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