Erlaucht im Manöver.

Militärische Humoreske von Freiherr von Schlicht.
in: „Ihre Durchlaucht der Regimentschef” und
in:
„Seine Hoheit”


Seine Erlaucht der eingesessene und eingeborene erlauchte Reichsgraf auf dem Schlosse seiner Väter und Ahnen geruhten in der denkbar schlechtesten Laune zu sein, und daher Höchsteigenmündig aus Leibeskräften zu fluchen. Und nicht ohne Grund.

Er war vor einigen Wochen von einer ihm gnädig und wohlgesinnten Königlichen Majestät eingeladen worden, als Höchstdero Gast die Manöver mitzumachen und sich dem Hohen Gefolge Seiner Majestät des Königs anzuschließen. Gewiß, das war eine hohe Ehre und eine große Auszeichnung, aber Seine Erlaucht, der eingesessene und eingeborene Reichsgraf legte gar keinen Wert auf Ehren und Auszeichnungen, weil ihm diese schon in jeglicher Gestalt und Form mit und ohne Brillanten zum Halse hinaushingen. Dazu kam, daß Seine Erlaucht für das Militär gar kein Interesse hatte. Trotzdem hatte er den bunten Rock für einige Jahre angezogen und es dank der wohlwollenden Kritik Seiner Vorgesetzten und trotz seiner unleugbar großen Begabung doch bis zum Rittmeister gebracht, aber weiter ging es nicht mehr. Mit der ihm gesetzlich zustehenden Pension hatte er sich auf seine Güter zurückgezogen und hatte dem Waffen­handwerk für alle Zeiten abgeschworen.

Seine Erlaucht fluchten immer noch. Wie kam Seine Majestät dazu, ihn einzuladen! Ja, wenn Seine Majestät der Kaiser ihn als Gast gebeten hätte, dann wäre es etwas anderes gewesen, aber so? Und was sollte er bei den Manövern? Im Gefolge zu reiten war ja sehr schön, aber allein ritt es sich doch noch viel schöner, denn dann war man nicht Begleiter, sondern dann hatte man Begleiter. Und für den Krieg brauchte er doch auch nicht zu lernen, denn es war doch noch mehr als zweifelhaft, ob es jemals Krieg geben würde, na, und wenn schon, wer konnte wissen, ob er dann noch lebte? Und wenn er wirklich lebte, dann ritt er ja doch nur im großen Hauptquartier, na, und reiten konnte er, das war ihm angeboren, er war derartig mit dem Pferde verwachsen, daß er stets behauptete, er wäre hoch zu Roß auf die Welt gekommen.

Natürlich hatte er doch die Einladung seines Königlichen Gönners annehmen müssen, und morgen ging es nun ins Manöver. Dies Wort alein war ihm schon ekelhaft, es erinnerte ihn an Unbequemlichkeiten aller Art, an jeglichen Mangel an Komfort und Luxus. Eine gräßliche Vorstellung, das Schloß seiner Väter und Ahnen mit dem Manöver-Quartier vertauschen zu müssen!

Seine Erlaucht klingelte plötzlich und gab dem Diener den Auftrag, seinen persönlichen Adjutanten zu sich zu bitten. Der erschien: „Erlaucht befehlen?”

„Befehlen? Nichts, lieber Graf. Wenn Sie auch nicht den Vorzug und die göttliche Auszeichnung besitzen, Erlaucht und reichsunmittelbar zu sein, so sind Sie trotzdem doch auch ein Graf(1), und da habe ich nichts zu befehlen, sondern nur zu wünschen.”

Der hochgeborene Graf machte dem erlauchten Graf seine Verbeugung.

„Wenn Erlaucht mir dann also Ihre Wünsche nennen möchten?”

„Gewiß. Denn dazu sind Sie ja da, Pardon — ich meine natürlich, deshalb habe ich Sie zu mir bitten lassen. Ich wollte nur fragen, ob alle Vorbereitungen für unsere Abfahrt ins Manöver­gelände getroffen sind? Wann geht unser Sonderzug?”

„Morgen früh um fünf Uhr, Erlaucht.”

Der stohnte schwer auf. „Gräßlich! Entsetzlich! Da muß man so gewissermaßen aufstehen, bevor man schlafen ging, und ich weiß gar nicht, wie ich das mit der Toilette machen soll. Wenn ich mich heute abend bade, ehe ich mich niederlege, kann ich doch nicht morgen früh um drei schon wieder baden.”

„Vielleicht geht's doch, Erlaucht.”

„Es muß natürlich gehen, denn ich kann doch unmöglich ungebadet in den Sonderzug steigen. Da ist doch für jede Bequemlichkeit gesorgt?”

„Es ist an alles gedacht. Eure Erlaucht haben zum persönlichen Gebrauch einen Salonwagen und einen Speisewagen. Und für den Fall, daß Erlaucht nach dem Diner wie gewöhnlich eine Viertelstunde ruhen wollen, habe ich noch extra einen Schlafwagen bestellt.”

„Sehr schön, lieber Graf.” Nach einer kleinen Pause fragte er: „Und werde ich auch in dem Quartier alles in Ordnung finden? Werden die Automobile an Ort und Stelle sein?”

„Auch das. Bei der Ankunft auf dem Bahnhof stehen drei Automobile für Eure Erlaucht bereit.”

Der Reinsunmittelbare blickte ganz erstaunt auf: „Nur drei? Aber ich habe doch fünf?”

„Sehr wohl, aber wie erlaucht erinnern, hat das Hofmarschallamt Seiner Majestät gebeten, daran zu denken, daß die Manöver einen durchaus kriegsgemäßen Charakter tragen, und daß demgemäß nicht nur die Unterbringung der Truppen, sondern auch die der Gäste eine völlig kriegsgemäße ist. Da mußten wir uns mit dem Gepäck und der Bagage Eurer Durchlaucht natürlich etwas nach diesem geäußerten Wunsche richten.”

Seine Erlaucht schauerte zusammen, dann aber freute er sich doch, daß er ein erlauchter Rittmeiter a. D. und nicht ein aktiver Rittmeister bei irgend einem wenig feudalen Kavallerie-Regiment war. Als solcher hätte er für die ganze Zeit nicht mehr als einen einzigen vorschriftsmäßigen Koffer mitnehmen dürfen. Nur ein wahres Glück, daß man bei den durch ihre hohe Geburt Ausgezeichneten eine Ausnahme machte! Sonst? — Eine entsetzliche Vorstellung: nur ein Koffer. Dahinein gingen ja kaum die nötigsten Zahnbürsten.

„Werden Erlaucht nicht mit den drei Automobilen zur Not auskommen?” fragte der Adjutant, als sein Herr immer noch schwieg.

„Wenn die Kriegslage es erfordert — ich meine, wenn es nicht anders geht, da muß es ja gehen. Im Notfall habe ich ja auch noch meine Pferde. Was ist da mit dem Transport abgegangen?”

„Der Jucker-Viererzug, die Victoria mit den beiden Rappen, die beiden Füchse für das Tandem, und von den Reitpferden die sechs Leibpferde. Außerdem die nötigen Ersatzpferde — und für die Parade die beiden englischen Halbblüter.”

Seine Erlaucht dachte einen Augenblick nach: „Auch sehr wenig. Sehr wenig, lieber Graf. Ob es wirklich im Sinne Seiner Majestät liegt, daß wir uns so einschränken müssen? Hätten wir nicht noch wenisgtens die beiden Orloff-Traber mitnehmen können?”

Der Adjutant zuckte die Achseln: „Schon die Unterbringung dieser wenigen Pferde hat die größten Schwierigkeiten bereitet. Der Baron, der die Ehre haben wird, Eure Erlaucht in seinem Hause zu beherbergen, mußte schon einen besonderen Stall aufstellen lassen, ebenso eine Garage für die Automobile. Mehr durften wir ihm nicht zumuten. Und wie gesagt, Erlaucht, die Manöver tragen einen ganz kriegsgemäßen Charakter.”

Wieder dachte Erlaucht eine ganze Zeit nach: „Wenn es denn sein muß, dann wird es ja schließlich die vierzehn Tage auch so gehen — aber leicht wird es nicht sein, damit auszukommen. — Und ist alles im Quartier für mich in Ordnung? Wieviel Zimmer habe ich doch noch?”

„Sieben, Erlaucht: einen Salon, ein Wohnzimmer, ein Empfangszimmer, ein Arbeitszimmer, ein Eßzimmer, ein Badezimmer, ein Schlafzimmer — außerdem natürlich noch die nötigen Räume für die Koffer.”

„Auch nicht gerade übertrieben viel. Und wo steht, na, Sie wissen, was ich meine, mein lieber Graf — wo ist mein Torfklosett aufgestellt?”

„Dem Schlafzimmer Eurer Durchlaucht gegenüber, in einem — hellen Raum, der sonst als Dienerzimmer dient.”

Seine Erlaucht richtete sich jäh auf und sah den Adjutanten groß an: „Im Die — im Dienerzimmer? Da stellt man das Torfklosett hin?! Mein — mein Klosett? Den Raum soll ich betreten?”

„Erlaucht werden sich ja nur vorübergehend dort aufhalten,” beruhigte ihn der Adjutant, „und wie schon mehrmals gesagt: wir sind in einem kriegsgemäßen Manöver, da muß man natürlich auf manchen Luxus verzichten. Und es ging wirklich nicht anders, ich habe bei meinem Besuch auf dem Schloß alle Räumlichkeiten daraufhin geprüft, — nur ein einziges Zimmer wäre vielleicht noch in Frage gekommen.”

„Und warum nahm man das denn nicht?”

„Es hatte keine feste Wand, Erlaucht, und nebenan befand sich das Schlafzimmer der Schloßherrin. Da meinte der Hausherr, Erlaucht würden sich da vielleicht etwas geniert fühlen.”

Erlaucht machte sein klügstes Gesicht: „Ich — mich? Wieso? Höchstens hätte doch die Frau Baronin — ach so, nun verstehe ich — weil das für die Dame peinlich gewesen wäre, soll ich sagen, daß ich — na ja, gewiß, aber schließlich gab es denn kein anderes Schlafzimmer für die Hausfrau?”

„Wenn sich nur die leiseste Möglichkeit dazu geboten hätte, wäre es selbstverständlich anders arrangiert worden.”

Erlaucht versank in tiefes Nachdenken und dieses Mal dauerte es noch länger als sonst, bis er die Sprache wiederfand, dann fragte er: „Sagen Sie 'mal, lieber Graf, wie ist es aber nur möglich, daß ein solches Haus, das über so wenig Räume verfügt, überhaupt Einquartierung bekommt, — verstehen Sie das? Ich begreife überhaupt nicht, wie Häuser gebaut werden können, in denen nicht einmal die notwendigsten Räume für die allernotwendigsten Bedürfnisse vorhanden sind — begreifen Sie das?”

Und da Seine Erlaucht es nicht begriff, durfte der Adjutant es auch nicht begreifen. —


Fußnote:

(1) In der Fassung von „Seine Hoheit” heißt es hier: „doch auch Graf”. (Zurück)


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