Wenn Frauen etwas einsehen.

Von Freiherr von Schlicht
in: „Die Ehestifterin”


Ich hatte mich an meinen Schreibtisch gesetzt, um zu arbeiten und vorher alles getan, was in meinen Kräften stand, um sicher zu sein, daß ich nicht gestört würde. Ich hatte das Telephon abgestellt und mir von meiner Frau fest versprechen lassen, daß sie, wenn sie zur Stadt ginge, heute nicht an meine Zimmertür klopfen würde, um mir zuzurufen: „Du, ich gehe jetzt.” Vor allen Dingen aber hatte ich mir unsere drei Mädchen vorgenommen und denen erklärt: „Ihr kennt mich. Wenn ich nicht gereizt werde, bin ich das sanftmütigste Schaf auf der Welt, aber ihr kennt mich auch, wenn man mich reizt und wenn der Jähzorn über mich kommt. Und darum und deshalb warne ich euch als Mensch und als Christ, geht meiner Stubentür aus dem Wege, rollert mit keinem Rollerbesen gegen die an und macht erst recht nicht die Tür auf, um mir etwas zu melden, denn wer heute morgen bei mir eintritt, ehe ich klingle, dessen Leben ist verwirkt, dem drehe ich erbarmungslos das Genick um. Also richtet euch danach!”

Und meine Drohung hatte genützt. Als ich an meinem Schreibtisch saß, herrschte im ganzen Hause Totenstille. Selbst die Fliegen schienen vor mir Angst zu haben, selbst die rührten sich nicht und wagten es nicht, mich zu belästigen. Nicht einmal von einem Flieger in den Lüften war etwas zu sehen und zu hören, obgleich doch sonst eigentlich kaum ein Tag vergeht, an dem man als nervöser Mensch in der Furcht des Herrn lebt, einen herabfallenden Propeller oder gar den Flieger selbst auf den Kopf zu bekommen. Totenstille rings herum, so ging die Arbeit flott vonstatten, bis dann doch der Augenblick kam, in dem ich, ohne mit Goethes Faust irgendwie verwandt oder verschwägert zu sein, doch mit diesem ausrief: „Hier stock' ich schon, wer hilft mir weiter fort?” Und ich wußte auch schon die Antwort auf diese Frage, nur einer konnte mir helfen, der Tabak. Der mußte die Phantasie, die plötzlich durchgerissen war, wie ein alter verbrauchter Film im Kientopp, neu beleben. So steckte ich mir denn von den vielen Zigarren, die während der Arbeit stets um mich herumliegen, erst eine an und dann noch eine, so daß mich bald dichte, undurchdringliche Rauchwolken umgaben, während ich in diesen Wolken saß und dabei wieder an das Telegramm dachte, das ich gestern abend erhielt und das da lautete: „Können Sie bis morgen abend per Eilbrief Humoreske liefern? Höchster Umfang 240 Druckzeilen à 42 Buchstaben. Honorar bitten wir selbst zu bestimmen.” Na, die Redaktion konnte sich schon jetzt freuen, billig wollte ich nicht sein, aber leider Gottes mußte ich für das Honorar doch auch etwas liefern. Es mußte in der Humoreske doch wenigstens ein Witz vorkommen, wenn nicht gar zwei oder drei. Und ich suchte nach diesem Witz wie Sherlock Holmes nach der Spur eines Verbrechers, während sich die Dampfwolken um mich und meinen Schädel herum immer mehr und mehr verdichteten, bis plötzlich aus diesen Wolken heraus eine Stimme zu mir sprach.

Zuerst glaubte ich, es sei die Stimme Gottes, die mir strafend zurufen wollte: Schlicht, du schämst dich wohl gar nicht, in dieser schrecklichen Zeit, in der täglich Tausende und aber Tausende da draußen auf den Schlachtfeldern verwundet werden, oder gar den Tod finden, über Witze nachzudenken? Aber als ich dann näher hinhörte, sagte die Stimme etwas ganz anderes zu mir und es war auch nicht die Stimme Gottes, die da zu mir sprach, sondern die unseres zweiten Hausmädchens. Das mußte, um mich nicht zu stören, ohne angeklopft zu haben, leise und unhörbar in das Zimmer getreten sein und sich ebenso leise bis zu meinem Schreibtisch herangeschlichen haben. Jedenfalls stand die Jungfrau nun da, aber stehen tat sie eigentlich nicht, sie flog, wenn auch nur vor Angst hin und her, sie mochte wohl an meine Drohung denken und sah den sicheren Tod vor Augen. Da tat sie mir denn doch wieder leid und ich ließ ihr das junge Leben, aber mit einer Stimme, die nicht viel Gutes verriet, fragte ich, was sie wolle. Und da kam es heraus, meine Frau hatte sie zu mir geschickt, sie, die Anna, hätte sich mit Händen und Füßen gesträubt, sie habe nicht zu mir herein wollen, aber sie habe gemußt, nun sei sie da und sie würde mehr als froh sein, wenn sie erst wieder gesund draußen wäre. Aber da sie nun einmal da sei, solle sie mich fragen, ob ich nicht einen Augenblick zu meiner Frau kommen könne.

„Nein, das kann ich nicht,” brauste ich auf, „ich habe zu arbeiten. Sagen Sie meiner Frau, ich könne nur dann kommen, wenn sie sich verpflichten wolle, bis heute mittag eine Humoreske zu schreiben, die aber nicht länger als 240 Druckzeilen à 42 Buchstaben sein dürfe und in der mindestens fünf Witze vorkommen müßten.Wenn meine Frau das könne und wolle, dann schön, dann werde ich solange in die Küche gehen und mich mit der Köchin zusammen um das Mittagessen kümmern. Das bestellen Sie bitte meiner Frau, nun aber raus, denn sonst — —”

Ich brauchte den Satz nicht zu Ende zu sprechen, denn die Anna kreischte laut auf und war verschwunden.

Gleich darauf war ich wieder allein und dieses kleine Intermezzo hatte merkwürdigerweise nichts geschadet, ich fand plötzlich den Faden der Arbeit wieder und das Schreiben ging erneut flott vonstatten.

Wenn ich nachdenke, rauche ich, wenn ich aber schreibe, rauche ich erst recht. So wurden die ohnehin schon dichten Rauchwolken immer dichter, so daß man schon ein haarscharfes Messer brauchte, um die zu zerschneiden und aus dieser Wolke heraus sprach plötzlich abermals eine Stimme zu mir. Zuerst dachte ich, es sei die Anna, die zum zweitenmal geschickt wäre, aber als ich dann näher hinhörte, war es die Marie, das erste Zimmermädchen, die mir gleich von Anfang an zurief: „Ich habe ganz gewiß nicht hereinkommen wollen, ich habe solche Angst, aber die Anna war nicht zu bewegen, sich hier nochmals sehen zu lassen, die erklärte, lieber wolle sie gleich kündigen und sich 'ne neue Stellung suchen. Aber die gnädige Frau hat keine Ruhe gelassen, bis ich das Wagnis endlich unternahm. Wenn ich lebendig wieder herauskomme, will die gnädige Frau mir auch eine hübsche Bluse schenken und die gnädige Frau läßt fragen, ob der gnädige Herr denn wirklich nicht mal zu der gnädigen Frau kommen könnten? Wenn auch nur auf ein paar Minuten. Die gnädige Frau läßt sagen, die Arbeit würde sicher trotzdem noch rechtzeitig fertig werden.”

„Nein, das wird sie nicht,” brauste ich auf, „sagen Sie meiner Frau, ich hätte wirklich keine Zeit für sie und bestellen Sie ihr auch, es hätte gar keinen Zweck, mir vielleicht auch noch die Köchin zu schicken. Nun aber scheren Sie sich zum Tempel hinaus, denn sonst drehe ich Ihnen wirklich das Genick um, und das täte mir meinetwegen aufrichtig leid, denn ich habe nicht die leiseste Lust, Ihretwegen vielleicht bis an mein Lebensende im Gefängnis zu sitzen.”

Gleich darauf war ich wieder allein und die Arbeit nahm auch trotz dieser Störung ihren Fortgang, bis dann nach einer guten halben Stunde aus den Wolken heraus abermals eine Stimme zu mir sprach. Aber das war kein Sprechen, das war ein Schluchzen und Weinen, denn mit tränenerstickter Stimme rief die Köchin, die nun doch in das Treffen geschickt worden war, mir zu: „Ach Gott, ach Gott, ach Gott, wenn das nur gut abläuft. Ich habe nicht kommen wollen, aber die gnädige Frau ließ mir ja keine Ruhe, sie hat mir monatlich eine Mark Lohn mehr versprochen, wenn ich mich hier herein traute. Da habe ich doch endlich nachgegeben, aber, ach Gott, ach Gott, ach Gott, mir schlenkern meine Beine und wenn das Essen heute mittag nicht gut wird, dann kann ich nichts dafür, aber mit schlenkernden Beinen kann ich nachher nicht am Herd stehen, da muß ich mich setzen. Ach Gott, ach Gott, wäre ich nur erst wieder draußen, aber da ich nun mal hier bin, soll ich fragen, ob der gnädige Herr denn wirklich nicht mal zu der gnädigen Frau kommen können. Die gnädige Frau hat einen solchen wichtigen Brief bekommen, der gar keinen Aufschub leidet und den sie unbedingt sofort mit dem gnädigen Herrn besprechen muß.”

„Das wird trotz alledem doch wohl noch Zeit haben,” fuhr ich auf. „Sagen Sie meiner Frau - nein, sagen Sie ihr nichts,” unterbrach ich mich, „ich werde selbst zu meiner Frau gehen, denn wenn ich nicht komme, dann schickt sie mir doch noch mal die Anna, dann die Marie und dann kommen Sie wieder und das geht so weiter bis an der Weltende. Um Ruhe zu finden, werde ich also meine Frau aufsuchen und nun weinen Sie nicht mehr. Sie als Köchin müßten es doch wissen, es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Und das mit dem Genickumdrehen geht doch auch nicht so schnell, da hätten Sie ja schließlich doch auch noch ein Wort mitzureden. Also sagen Sie meiner Frau, ich würde in zehn Minuten kommen, nun aber raus!”

Das ließ sich die Köchin nicht zweimal sagen, die flog davon und ich versuchte, die Arbeit wieder aufzunehmen, um wenigstens den Satz, den ich angefangen hatte, zu vollenden, aber es ging nicht. Ich konnte meine Gedanken nicht mehr konzentrieren, die Stimmung war zerrissen und anstatt weiter über meine eigenen Sachen nachzudenken, dachte ich an den wichtigen Brief, den meine Frau erhalten hatte und den sie unbedingt sofort mit mir besprechen müsse. So entschloß ich mich denn, gleich zu ihr zu gehen, zumal die Arbeit trotz der verschiedentlichen Störungen überraschend schnell vonstatten gegangen war. Von den 240 verlangten Druckzeilen waren sicher schon 170 geschrieben, na und der Rest würde auch schon noch fertig werden.

Fünf Minuten später trat ich bei meiner Frau ein und ich sah es auf den ersten Blick, sie war ganz verstört, ja, sie schien mir sogar geweint zu haben, und mit einer Stimme, die mir in das Herz schnitt, rief sie mir zu: „Gott sei Dank, daß du endlich kommst. Ich bin beinahe vor Ungeduld gestorben, denn ich allein weiß mir nicht zu helfen. Ich bin derartig außer mir, daß ich gar nicht sagen kann wie.” Und nun wirklich in Tränen ausbrechend, schluchzte sie vor sich hin: „Ach dieser Krieg! Schrecklich, schrecklich, schrecklich!”

Mein erster Gedanke war, meine Frau habe die Nachricht von dem Tode eines Verwandten oder Bekannten erhalten, aber der Brief, den sie in Händen hielt, sah schon äußerlich nicht danach aus, als ob er eine solche Anzeige enthielte. Der Umschlag war ein gewöhnliches Geschäftskuvert mit aufgedruckter Firma. Also mußte es sich doch wohl um etwas anderes handeln, als um eine Todesanzeige. So versuchte ich denn meine Frau zu trösten: „Na, weine nur nicht gleich, ganz so schlimm, wie du es in der ersten Erregung beurteilst, wird die Sache schon nicht sein. Also, nun verrate mal, was gibt es denn?”

Meine Frau schluchzte noch ein paarmal vor sich hin, dann trocknete sie ihre Tränen und reichte mir den Brief: „Da lies selbst, was soll jetzt nur werden?”

Und ich las:

„Sehr geehrte gnädige Frau!

Auf Ihre werte Anfrage teilen wir Ihnen mit, daß es uns durch den Krieg leider ganz unmöglich ist, Ihnen den gewünschten Lodenstoff wie bisher zu dem billigen Preise von 3,50 Mark pro Meter zu liefern. Durch die enorme Nachfrage nach Lodenstoff sind unsere Vorräte so gut wie erschöpft und es besteht auf viele Monate hinaus auch gar keine Aussicht, daß wir neue Vorräte hereinbekommen. Wir haben von dem Stoff, den Sie wünschen, nur noch 20 Meter lagern, die wir Ihnen billigst gegen sofortige Kassa mit 5,50 Mark pro Meter ablassen wollen, bei Abnahme des ganzen Restes. Teilbeträge können wir nicht abgeben Wir halten uns an unsere Offerte bis morgen mittag gebunden und erbitten ev. sofortige Drahtantwort.”

Schon als ich zu lesen anfing, hatten sich meine Augen geweitet, bis ich jetzt meine Frau mit ganz großen Augen mehr als verwundert ansah, dann aber rief ich ihr zu: „Du schämst dich wohl wirklich nicht? Wegen dieses Briefes, lediglich weil der Lodenstoff teurer geworden ist, findest du den Krieg schrecklich und wegen einer solchen Bagatelle rufst du mich von der Arbeit ab? Da schickst du sogar dreimal zu mir, da hört sich denn doch alles auf und ich muß dir offen gestehen —”

Und ich gestand meiner Frau sehr vieles offen. Ich machte meinem Ingrimm Luft, nicht gerade in zartester Weise und es dauerte sehr lange, bis ich damit fertig war. Aber meine Frau schien mir gar nicht zugehört zu haben, denn als ich endlich nichts mehr zu sagen wußte, da fragte sie mich nur: „Was mache ich denn aber jetzt mit dem Lodenstoff? Ich brauche den unbedingt. Ich muß mir zum Herbst ein neues Kleid machen lassen, aber ich kann mir doch unmöglich die ganzen 20 Meter bestellen.”

„Warum nicht?” fragte ich meinerseits. „Soviel ich weiß, wird gerade dieser Stoff niemals unmodern. Was du jetzt nicht brauchst, läßt du einfach liegen, verderben wird der schon nicht.”

„Das schon,” stimmte meine Frau mir bei, „aber wie soll ich das nur bezahlen? Rechne es mir mal aus, wenn ein Meter 5,50 Mark kostet, wieviel kosten dann 20 Meter?”

„Nach Adam Riese immer noch 110 Mark.”

Meine Frau fiel in ihrem Stuhl hintenüber und starrte mich ganz fassungslos an. „110 Mark,” stotterte sie endlich, „das kann ich nicht, noch dazu jetzt im Kriege, wo ohnehin alles so rasend teuer geworden ist. Nein, das kann ich nicht, da muß ich auf den Stoff verzichten, obgleich ich tatsächlich nicht weiß, was ich anziehen soll, denn ich bin so an meinen Lodenstoff gewöhnt, daß ich mir ein Leben ohne den gar nicht vorstellen kann. Aber 100 Mark? Unmöglich, unmöglich!”

Ich sah es voraus, dieses Wort „unmöglich” würde mir noch solange zugerufen werden, bis es sich plötzlich in den Ausdruck „möglich” verwandelte, aber nicht von dem Gesichtspunkt meiner Frau aus, das wenigstens nur teilweise, denn sehr bald würde die mich fragen: Wäre es dir nicht möglich, den Stoff zu bezahlen?

Unvermeidlichen Fragen soll man dadurch aus dem Wege gehen, daß man ihnen entflieht? Ach nein, das wäre ganz falsch! Kein Mensch entgeht seinem Tode, kein Mann der Frage, die eine Frau an ihn richten will. Da hilft kein Fliehen und keine Ablenkung. Man kann eine Frau, um sie davon abzubringen, eine von uns gefürchtete Frage zu stellen, zu einer Reise um die Welt einladen. Sie kann mit uns diese Reise antreten, sie wird starr und sprachlos werden bei den vielen ihr bisher unbekannten Wundern dieser schönen Welt, aber irgendwo und irgendwann, wenn wir es am allerwenigsten erwarten, in einer Mondscheinnacht in der Wüste bei den Pyramiden, in den Palmenwäldern Ceylons, oder sonstwo wird sie eines Tages totensicher sagen: „Ach ja, richtig, was ich dich schon fragen wollte, als wir noch zu Hause in Deutschland waren, wie ist es?” Und dann kommt die Frage so totensicher wie das Amen in der Kirche.

Die Frage, ob ich den Lodenstoff nicht bezahlen könne, schwebte über meinem Haupt, wie das Schwert des Damokles, so tat ich denn das Klügste, was man in solchen Fällen tun knn, ich kam der Frage zuvor und sagte: „Also schön, dann werde ich den Stoff bezahlen.”

Meine Frau sah mich ganz verwundert an: „Du? Wie kommst du denn dazu? Ich habe dich doch nicht darum gebeten und ich würde das auch nicht getan haben, denn ich weiß ja, daß auch du jetzt deine Sorgen hast.”

Wenn die Frauen immer rot würden, wenn sie nach ihrer felsenfesten Überzeugung die Wahrheit sprechen, kämen sie aus dem Rotwerden gar nicht mehr heraus!

Aber meine Frau wurde nicht rot, sondern meinte nach einer kleinen Pause nur: „Dein freundliches Anerbieten kommt mir ganz überraschend, aber selbstverständlich nehme ich es mit bestem Dank an, denn du machst mir durch dieses Geschenk eine große Freude.”

„Freue dich nur nicht zu früh,” warf ich ein, „ich will dir den Stoff bezahlen, aber selbstver­ständlich nur unter der Voraussetzung, daß ich mit der Arbeit, die in meinem Zimmer auf mich wartet, auch fertig werde.”

Meine Frau sah mich ganz verwundert an: „Warum sollte die nicht fertig werden? Du hast doch schon so unendlich viel geschrieben, da wirst du doch wohl mit der kleinen Geschichte zu Ende kommen. Das wäre ma sonst noch schöner. Da brauchst du dir wirklich keine Gedanken zu machen. Und nicht wahr, ich brauche nicht bis zum Mittag zu warten, ich kann gleich an die Firma nach München telegraphieren, damit die sofort nach Empfang der Depesche den Stoff abschickt?”

Zuerst wollte ich widersprechen: Warte zur Vorsicht damit doch lieber bis zum Mittag, aber das hätte doch nichts genutzt, denn jeder Widerspruch von seiten des Mannes veranlaßt jede Frau, das, was sie will und nicht tun soll, erst recht zu tun, weil sie es dann heimlich tun muß.

Das schönste Wort, das für eine Frau in unserem reichen Wortschatz vorkommt, lautet: heimlich. Wenn es keine Heimlichkeiten und keine Geheimnisse vor uns Männern gäbe, würde jede Frau Selbstmord begehen, weil das Leben für sie keinen Reiz mehr hätte und weil sie tatsächlich nicht wüßte, weshalb sie überhaupt auf die Welt gekommen ist. So stimmte ich denn, wenn auch gegen meinen Willen, meiner Frau bei und wenig später saß ich wieder an meinem Schreibtisch. Vor einer neuen Störung war ich sicher, nicht, weil meine Frau den Stoff nun bekam, sondern weil wir glücklicherweise nur drei weibliche Angestellte haben und weil von diesen sich keine zum zweitenmal in mein Zimmer wagen würde. Wie zu Beginn meiner Arbeit umgab mich auch jetzt Totenstille, aber trotzdem, ich mochte denken und rauchen soviel ich wollte, mir fiel nichts mehr ein, ich konnte die angefangene Humoreske nicht zu Ende schreiben, weil ich mich fortwährend fragte: Wie ist es nur möglich, daß eine Frau ihren Mann wegen einer solchen Bagatelle von dem Schreibtisch fortrufen läßt?

Endlich sah ich es ein, es hatte keinen Zweck, weiter über die Arbeit nachzugrübeln, so riß ich denn das bisher Geschriebene durch und ließ mich telephonisch mit Berlin verbinden, um der Redaktion mitzuteilen, daß es mir leider Gottes trotz meiner gestrigen telegraphischen Zusage unmöglich geworden sei, das erbetene Manuskript zu liefern. Ich hörte es an der Stimme, die antwortete, der Redakteur, der sich auf mich verlassen hatte, war mehr als ärgerlich und ich war wütend, als er mir das Honorar nannte, das er mir zahlen wolle, wenn ich ihm die Sache doch noch liefern würde, um ihn nicht in Verlegenheit zu bringen.

Das Honorar lockte, aber trotzdem, es war heute nichts mehr zu machen. Gleich darauf beendete ich das Gespräch, klingelte ab und hatte die Gewißheit, daß diese Redaktion mich nie wieder um einen Beitrag bitten würde.

„Nun?” rief mir meine Frau erstaunt zu, als ich wenig später wieder bei ihr eintrat, „du bist schon fertig? Na, da gratuliere ich dir, das ist ja noch schneller gegangen, als ich dachte.”

„Nicht wahr,” meinte ich ironisch, „vor allen Dingen aber ganz anders.” Und dann erzählte ich, wie sich die Sache in Wirklichkeit verhielt, bis ich fortfuhr: „An allem bist einzig und allein du schuld. Da kann doch kein Mensch arbeiten, wenn er fortwährend gestört wird und das noch dazu wegen nichts und wieder nichts.”

Ich war wirklich mehr als böse, fast hätte ich gesagt, ich war wütend, nicht zum wenigsten auf mich selbst. Warum hatte ich das Telegramm nach München nicht zurückgehalten, warum hatte ich da nicht ein energisches Veto eingelegt. Vielleicht, vielleicht mit 27 Fragezeichen, hätte es doch etwas geholfen. Nun war es zu spät, der Stoff war bestellt und ich mußte den von dem Honorar bezahlen, das ich nicht verdient hatte.

So machte ich denn abermals meinem Herzen Luft und zwar so gründlich, daß meine Frau immer zerknirschter wurde, bis sie mir endlich zurief: „Ich sehe es ein, daß ich sehr unrecht gehandelt habe, ich will es auch ganz gewiß nie, niemals wieder tun.”

Der Mund einer Frau spricht so manches, bei dem sie sich nicht das Geringste denkt und deshalb fragte ich als vorsichtiger Mann: „Siehst du das auch wirklich ein, oder sagst du das nur so?”

Aber meine Frau sah es wirklich ein, sie beteuerte mir das mit den heiligsten Worten, ja, sie wollte es mir sogar schwören.

Da aber winkte ich ab, nur keinen Schwur!

Ich habe mir in meinem ganzen Leben ein einziges Mal etwas schwören lassen. Da war ich noch frank und frei und ledig und zu meinen Füße lag eine junge schöne Wittib und schwur mir, was man mir von ihr erzählt habe, sei erfunden und erlogen, man habe sie bei mir in der gemeinsten Weise verleumdet und verdächtigt, an allem sei kein wahrer Buchstabe, geschweige denn auch nur eine wahre Silbe. Die Tränen flossen der schönen Wittib kannenweise aus den Augen, sie rang die Hände und flehte mich an, ihr zu glauben. Aber das tat ich erst, als sie mir unaufgefordert bei dem Haupte ihres verstorbenen Kindes schwur, sie spräche die Wahrheit.

Das glaubte ich und wie wurde ich für diesen Glauben belohnt! Zuerst mit flammenden, feurigen Küssen und ein paar Stunden später mit einem Rohrpostbrief, in dem die schöne Wittib mir erklärte, ich wäre der beste und der edelste Mensch, den es auf der Welt gäbe, (als ich das las, wußte ich schon, daß ich ein Schaf gewesen war). Ich wäre der anständigste und der edelste Mensch, den sie je kennen gelernt hätte (als ich das las, wußte ich, daß ich ein Ochse gewesen war). Ich wäre der Inbegriff alles Guten und Reinen, aber sie selbst — sie sei so schlecht, für diese Welt zu schlecht, nie wieder könne sie mir unter die Augen treten, nie wieder! Und deshalb habe sie beschlossen zu sterben. Heute noch, am Abend, wenn alles dunkel war, dann wollte sie entweder in das Wasser gehen, oder sich von einem Auto, oder noch besser von einem Zuge überfahren lassen. Ich sollte ihr telephonieren, wozu ich ihr riete, aber sterben würde sie bestimmt und wiedersehen könne sie mich erst recht nicht. Niemals! Aber trotzdem bäte sie mich, heute abend um sieben Uhr noch einmal mit ihr zusammenzutreffen. Sie müsse mir beichten, sie könne nicht mit einer Lüge auf den Lippen in den Tod gehen, nicht mit der Lüge, daß sie jemals ein Kind gehabt habe. Der Schwur, den sie mir leistete, sei trotzdem wahr gewesen, aber sie sähe es jetzt ein, sie hätte nicht bei dem Haupte ihres nie geborenen Kindes schwören dürfen. Das würde ihr im Leben keine frohe Stunde mehr lassen, deshalb wolle sie sterben, aber vorher müsse sie mich noch um Verzeihung bitten und ich müßte ihr diese Bitte erfüllen, denn es sei ja die letzte, die sie an mich richte.

Ich habe ihr diese Bitte nicht erfüllt, sondern ihr schriftlich die erbetene Verzeihung gesandt und ihr einen milden und sanften Tod gewünscht. Und der Tod muß für sie so sanft gewesen sein, daß sie selber gar nichts davon merkte, denn am nächsten Tage ging sie auf der Straße an mir vorüber. Als sie mich ansprechen wollte, da wich ich ihr aus, denn mit Toten unterhalte ich mich erst, wenn ich auch meinerseits gestorben bin.

So Einer oder Eine, die diese Zeilen liest, glauben sollte, ich hätte mir den Brief der schönen Wittib frei erfunden, so irrt er sich. Der ist geschrieben worden und ich habe ihn lange Jahre aufbewahrt, bis er dann doch eines Tages in den Ofen wanderte. Aber gleichviel, seit dem Tage bekomme ich es immer mit der Angst zu tun, wenn mir eine Frau etwas schwören will.

Ich glaubte meiner Frau deshalb auch ohne Schwur, daß sie es einsähe, wie unrecht sie tat, als sie mich dreimal bei der Arbeit stören ließ. Und sie bewies es mir sogar, daß sie es einsah, denn als ich am Nachmittag von einem weiten Spaziergang nach Hause kam, lag meine Frau zu Bett und hatte die rasendsten Kopfschmerzen.

Wenn ein Mann einsieht, daß er unrecht hatte, dann ärgert er sich entweder, oder er freut sich darüber, je nach Temperament und Veranlagung. Wenn aber eine Frau etwas einsieht, oder wenn sie etwas eingesehen hat, dann legt sie sich zu Bett, weil sie Kopfschmerzen bekam und macht sich um so mehr kalte Umschläge, je weniger Kopfschmerzen sie hat.

Wenn die Frauen wirklich jedesmal Kopfweh hätten, wenn sie es behaupten, dann hätten sie schon längst keinen Kopf mehr. Aber meine Frau hatte wirklich Kopfschmerzen, sogar rasende, das merkte ich an der Nasenspitze, die allein unter den nassen Umschlägen zu sehen war. Die Nasenspitze war zu sehen und die Nasenflügel zuckten und bebten. Das war kein gutes Zeichen, da mußten die Kopfschmerzen mehr als schlimm sein und so versuchte ich denn, meine Frau zu trösten.

Wenn wir Männer uns doch nur das Trösten abgewöhnen könnten und das vertrauensvoll den Geistlichen überlassen würden, die doch schließlich von Amts wegen gewissermaßen dafür bezahlt werden. Uns anderen Männern aber bringt das Trösten gar nichts ein, sondern es kostet uns noch was.

Wir Männer sollten es auch schon deshalb aufgeben, die Frauen zu trösten, weil die meisten gar nicht getröstet sein wollen. Je unglücklicher eine Frau sich fühlt, desto glücklicher ist sie, denn dann kann sie sich selbst bemitleiden und bedauern.

Ich aber tröstete trotzdem meine Frau und versuchte, ihr klarzumachen, daß doch für sie gar kein Grund vorläge, Kopfschmerzen zu haben, sie habe es ja glücklicherweise am Morgen eingesehen, daß sie unrecht getan habe und damit sei die Sache doch erledigt.

Bis ich dann erfuhr, daß meine Frau nicht deshalb Kopfschmerzen habe, sondern aus einem anderen Grunde — weil sie inzwischen eingesehen hatte, daß für sie gar kein Grund vorlag, es einzusehen, daß sie mir unrecht getan haben solle.

Bis dahin hatte ich neben dem Bett meiner Frau gestanden, bei diesen Worten aber ließ ich mich schwer auf einen Stuhl fallen, ohne es zu beachten, daß gar kein Stuhl da war. So saß ich denn plötzlich auf der Erde, aber das war ja auch einerlei, ich saß, denn stehend hätte ich die nun folgende Beweisführung doch nicht mit anhören können.

Wenn eine Frau einem Manne etwas beweisen will, beweist sie ihm alles mögliche, nur nicht das, was sie beweisen soll. Und so bewies meine Frau mir denn auch nicht, daß sie mich nicht gestört habe, sondern sie bewies mir, daß ich daran schuld sei, daß sie den Lodenstoff nun doch nicht bekäme, denn der Lieferant hatte ihr am Nachmittag telegraphiert, trotz seiner Zusage, sich bis morgen mittag an seine Offerte gebunden zu halten, sei auch das letzte Stück Lodenstoff ohne sein Wissen von einem seiner Angestellten verkauft worden, da das Telegramm leider eine Stunde zu spät eingetroffen und da er selbst um diese Zeit nicht mehr im Geschäft anwesend gewesen sei.

Und das war einzig und allein meine Schuld. warum war ich so empfindlich, daß mich selbst die kleinste Störung aus der Arbeitsstimmung riß? Warum war ich nicht gleich zu meiner Frau gekommen, als die mich zum erstenmal darum bitten ließ? Dann wäre alles gut gewesen, ich hätte mir jede weitere Störung erspart, das Telegramm hätte mindestens anderthalb Stunden früher abgehen können und ihr, meiner Frau, wäre es dann erspart geblieben, sich von mir ausschelten lassen zu müssen, einzig und allein deshalb, weil sie sich in ihrer Not allein nicht zu helfen wußte. Und wozu war ich denn ihr Mann, wenn ich ihr nicht mit Rat undTat zur Seite stand, das nicht nur gerade dann, wenn es mir selber mal paßte, sondern jederzeit, wenn sie meiner bedurfte.

Und vor allen Dingen noch eins. Meine Frau richtete sich in ihrem Bett auf und sah mich aus dem umwickelten Kopf mit der allein sichtbaren Nasenspitze triumphierend an, bis sie mir als Schlußeffekt zurief: „Eins möchte ich noch von dir wissen. Wenn du denn absolut sicher sein wolltest, daß dich niemand störte, warum hast du denn da die Tür nicht zugeschlossen?”

„Weil du dann totensicher solange gegen die Tür hättest anklopfen lassen, bis ich doch aufgemacht hätte,” gab ich zur Antwort.

Die Nasenspitze sah mich ganz vorwurfsvoll an, bis meine Frau mir zurief: „Was du da sagst, glaubst du doch wohl selber nicht, das ist doch nur eine Ausrede von dir, weil du nicht eingestehen willst, daß du an allem schuld bist. So seid ihr Männer! Von uns verlangt ihr, daß wir sofort ohne weiteres einsehen sollen, daß wir unrecht taten, aber wenn man das von euch verlangt, ja noch mehr, wenn man euch das mit mathematischer Genauigkeit beweist, selbst dann seht ihr es immer noch nicht ein.”

Da gab ich das Rennen auf und streckte die Waffen. Um des lieben Friedens willen rief ich meiner Frau zu: „Ja, du hast recht, du hast mich überzeugt, deine Beweise sind niederdrückend und zerschmetternd, ich sehe es ein, daß du es ja gar nicht nötig hattest, etwas einzusehen, sondern daß ich das nun allein tun muß. Und das tue ich und wenn du es wünschest, bin ich sogar bereit, es dir zu schwören.”

Aber mit meinem Schwur war meine Frau nicht zufrieden, sie konnte doch nicht in mich hineinsehen und wenn ich da vielleicht einen Meineid schwur, nein, das sollte ich ihretwegen denn doch nicht, es gäbe ja auch noch andere Beweise, um ihr zu zeigen, daß ich mein Unrecht einsah. Sie selber habe zwar so rasende Kopfschmerzen, daß sie nicht wisse, worin dieser Beweis sonst noch bestehen könne, aber mir würde er sicher einfallen, ich möchte nur mal nachdenken.

Da stöhnte ich im stillen schwer auf, nicht, weil ich nachdenken sollte, sondern weil ich auch ohnedem wußte, welchen Beweis meine Frau von mir verlangte.

Ich griff in die Brusttasche, holte die Brieftasche hervor, um dieser den Betrag zu entnehmen, den der Lodenstoff gekostet hätte, wenn er gekommen wäre. Gleich darauf erhob ich mich von meinem Platz auf dem Teppich, legte die Scheine leise auf die Bettdecke und schlich davon.

Als ich nach einer Stunde zurückkam, um mich nach dem Befinden meiner Frau zu erkundigen, ging es ihr viel, viel besser, nicht nur die Kopfschmerzen, sondern auch die Zahl der nassen Tücher hatte abgenommen. Aber trotzdem, ganz gut ging es ihr immer noch nicht und deshalb bat sie mich mit leiser Stimme: „Nicht wahr, du versprichst mir, du wirst es nie wieder von mir verlangen , daß ich einsehe, unrecht getan zu haben, wenn das nicht wirklich der Fall war?”

Meine Augen suchten das Papiergeld, das ich vorhin auf die Bettdecke gelegt hatte. Das war, wie ich vorausgesehen, natürlich schon längst auf Nimmerwiedersehen verschwunden und um später nicht abermals dafür bluten zu müssen, wenn meine Frau etwas eingesehen hatte, rief ich ihr zu: „Sei unbesorgt, ich werde dich nie wieder bitten, etwas einsehen zu wollen.”

„Auch dann nicht, wenn ich wirklich im Unrecht war?” fragte meine Frau mich anscheinend ganz verwundert.

„Nein, auch dann nicht,” stimmte ich ihr bei, „das schon deshalb nicht, weil du im Gegensatz zu so vielen anderen Frauen niemals im Unrecht sein wirst.”

Meine Frau warf mir einen dankerfüllten Blick zu, der der Anerkennung ihrer guten Eigenschaften galt, bis sie mir zurief: „Was du da eben sagtest, war sehr liebenswürdig von dir, aber trotzdem, wenn du in Zukunft einmal glaubst, daß ich wirklich unrecht hatte, dann sagst du es mir doch?”

„Wenn du das willst und wenn es dich glücklich macht, gern,” stimmte ich ihr bei, während ich im stillen einen Eid schwur, den ich gehalten habe bis zumn heutigen Tage und den ich halten werde, solange ich lebe: Nie wieder von einer Frau zu verlangen, daß sie etwas einsieht.

Denn wenn eine Frau etwas einsieht, dann sieht der Mann, wenn er sich hinterher im Spiegel betrachtet, aus, als ob er der Hineingefallene wäre!

Und er sieht nicht nur so aus, er ist es auch wirklich, denn eine Frau sieht alles ein, was sie einsehen soll, alles, — und gerade deshalb gar nichts.


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