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"Tante Jette"Militärschwank in vier AktenvonHans v.Wetzel und Freiherr von Schlicht |
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Anzeige im "Berliner Tageblatt" 17.9.1897 |
Anzeige in der "Vossischen Zeitung" 18.9.1897 |
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Besetzung bei der Uraufführung im "Berliner Theater": |
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Kern, Schuhmacher
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Ernst Formes
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Bisher konnte ich folgende Aufführungsorte auffinden:
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17., 18., 19., 21., 23., 26., 28., 30. September,
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"Berliner Theater" in Berlin |
7. Oktober 1897 |
In der Ausgabe von Mittwoch, dem 15. September 1897, der "Vossischen Zeitung" kann man folgenden Artikel lesen:
Im Berliner Theater wird für nächsten Freitag die Novität "Tante Jette", Schwank in 3 Akten, vorbereitet. Der zweite Akt, der das Leben in einer Kaserne wiederspiegelt, sowie der dritte Akt (Kompagnieball) bedingen "militärische" Vorübungen. Verfasser des Schwankes sind die Herren H. v.Wetzel und Frhr. v.Schlicht.
Und in der Ausgabe von Sonnabend, dem 18. September 1897, der "Vossischen Zeitung" kann man finden:
Freitag, 17. September. 2. Abonnenmentsvorstellung. Zum ersten Male: "Tante Jette". Schwank in 4 Aufzügen von Hans v.Wetzel und W.v.Schlicht. Regie: Herr Droescher.
Wie von jener Tante Lotte, über deren Gemüth Hans Huckebein, der Unglücksrabe, so viel Trübes brachte, einst Wilhelm Busch sang: "Nichts schöner's gab's für Tante Lotte, als schwarzes Heidelbeercompotte", so ließe sich von Tante Jette singen: "Nichts schöner's gab's für Tante Jette, als eine Gans in ihrem Fette." Denn zweimal tritt eine Gans verhängnißvoll auf Tante Jettes Lebensweg. Weil beim Schützenfeste nicht der alte Kern, sondern der junge Kirschbaum den Gänsepreis erringt, darum will der alte Kern dem jungen Kirschbaum seine Mieze nicht zur Frau geben; und das tief erschütterte Publikum seufzt mit Tante Jette: O Gans, was hast du angerichtet! Weil sich nachher der junge Kirschbaum über den alten Kern "scheckig" ärgern möchte, kriegt die von Tante Jette in die Kaserne mitgebrachte gute Gabe Gottes nicht der junge Kirschbaum, sondern seine Korporalschaft, und mit dieser Korporalschaft jubelt sehnsüchtig das verlangende Publikum: O Gans, wie bist du angerichtet!
Abseits von dieser jetzt sehr saisongemäßen Gänsetragödie geht es heiter her bei v.Wetzel und v.Schlicht. Zwei Chimborassos des Humors werden erklommen. Vater Kern, der Schuster im grauen Zylinderhut, wird von Soldaten in einen Kasernenschrank eingesperrt, und in der Instruktionsstunde weiß keiner der Rekruten, wie der kommandirende General aussieht. Tiefsinnig brütet der Betrachter, welchen dieser beiden Gipfel der Komik frischfröhlichen Heldenmuths v.Wetzel erstiegen hat, welchen v.Schlicht. Er räth es nicht. P.S.
In der Ausgabe von Sonnabend, dem 18. September 1897, des "Berliner Tageblatts" kann man folgenden Artikel lesen:
F.E. Wer mit den Freitagsabonnenten des "Berliner Theaters" Freud und Leid theilen muß, sah gestern einen vieraktigen Militärschwank "Tante Jette" von Hans v.Wetzel und W. v.Schlicht. Wer aber nicht mindestens Vizefeldwebel der Reserve oder berufsmäßiger Manöver-Korrespondent ist, wird mit seinem Urtheil nicht hervortreten. Vielleicht, daß der Parademarsch am Schluß gar nicht so gut klappte, wie es uns Civilisten schien. Vielleicht, daß der innere Kasernendienst, der im zweiten Akte sehr genau vorgeführt wird, Anlaß zu Ausständen gibt. Vielleicht aber auch, daß die Mannszucht im Regiment Prasch das höchste Lob verdient. Der Civilist muß sich bescheiden und kann nur ein Wort über die kleinen Nebensächlichkeiten sagen, die ja aber gar keine Rolle spielen. Zum Beispiel, ob die Handlung irgendwie einen originellen Zug verräth (Nein!) oder einen sehr glaubhaften Eindruck macht (Nein! Nein!) oder ob man in den nichtmilitärischen Gestalten eine Bereicherung unserer Bühnenfiguren findet. Nein, nein, nein! Nur eine einzige, ein verbummelter Heirathsschwindler, hat ein persönliches Gesicht. Aber alles Andere, obschon es nicht zum Kommiß gehört, trägt Uniform, die alte Narrenuniform der Schwanktypen. Da ist der Vater Schuhmacher, der ein grausamer Vater wird, weil der Schwiegersohn in spe ihm die lange besessene Schützenkönigswürde raubt. Da ist die gute Tante Jette, die die vom Vater getrennten jungen Leute wieder zusammenbringen will, da wird der böse Vater in der üblichen Form wieder zum milden umgestimmt, der seiner Mieze denn doch noch den Segen zur Ehe mit dem treffsicheren Schützen und Unteroffizier Georg giebt - da kommt schließlich auch die brave Tante Jette selbst noch unter die Haube. Daran ist nichts Neues, und die Abonnenten haben es schon an manchem Freitag gesehen. Nur daß alle diese Figuren ihre meisten sogenannten humoristischen Schlager thun, indem sie sich mit Kraftausdrücken wie "Du alte Violine" belegen, darin steckt ihr Individuelles von Wetzel-Schlichts Gnaden. Sie haben alle abgefärbt von der Kaserne, deren Insassen nebst der ganzen Handlung nur zur Staffage dienen. Diese Kraftmeierei ist der neutrale Punkt des Schwankes. Hier ist das Nebensächliche, über das der bürgerliche Mensch zu urtheilen sich erlauben darf, doch schon wie von einem Hauch des Übercivilen, des ewig Unteroffizierlichen verklärt, dem die Autoren ihre Feder geliehen haben und das in jenem Parademarsch einen Schluß findet, der jeden Preußen erheben, jeden Landesfeind schrecken muß.
Aber ernsthaft gesprochen: Daß die Herren v.Wetzel und v.Schlicht den "inneren Dienst" und den Compagnieball nebst Parademarsch in schriftstellerische Behandlung nehmen, wird ihnen nicht verdacht. Der Eine von ihnen hat sogar schon sehr flotte Feuilletonskizzen über die gleiche Materie veröffentlicht und gezeigt, daß der Stoff überaus dankbar ist. Aber daß sie für ein Bühnenwerk und für theatermöglich ausgeben, was nur militärische Episode und Bilderbogen ist, muß ihnen nachgetragen werden. Wenn sie Beifall hatten - und sie hatten Beifall und Hervorrufe - so mögen sie es dem furor militaris danken, der in jedem deutschen Publikum steckt, und der selbst im Theater damit zufrieden ist, den gut wieder erzählten Kasernenschnurren der Witzblätter zu begegnen.
Es wurde recht hübsch gespielt, von Clara Wenk die Tante Jette, von Herrn Formes der Vater, von Frl. Schroth die kleine Mieze und ihr Unteroffizier von Herrn Schmelzer. Herr Formes zeigte freilich, daß auch die sogenannte naturalistische Bühnensprache affektirt geübt werden kann. Wenn er in seinen Schuhmacherjargon mir statt mich zu sagen hat, betont er das "mir" so grob, als ob er wüßte, daß es falsch ist. Sehr scharf und fein charakterisirte Herr Bassermann den Heirathsschwindler. Herr Droescher gab einen netten Hauptmann. Als Regisseur verdient er auch Anerkennung für das hübsche äußere Arrangement dieser Herbstmanöver des Berliner Theaters.
In der Zeitung „Das kleine Journal” vom 15.September 1897 steht:
Im Berliner Theater herrscht jetzt militärischer Drill, nämlich auf den Proben zur nächsten Freitags-Novität „Tante Jette”, Schwank in 3 Akten. Der 2.Akt, welcher das Leben und Treiben in der Kaserne wiederspiegelt, sowie der 3.Akt – Kompagnieball – bedingen diese exakten Vorübungen. Von den beiden Verfassern des Schwankes, H.v.Wentzel und Frhr.v.Schlicht, ist der Letztere auf literarischem Gebiete durch seine „Militärhumoresken” bereits rühmlich bekannt, während H.v.Wentzel als Bühnenschriftsteller frühere Erfolge aufzuweisen hat; auch in Berlin wurde seinerzeit im Neuen Theater ein Werk seiner Feder, „Deutsche Treue” aufgeführt.
In der Zeitung „Das kleine Journal” vom 16.September 1897 steht:
Freiherr v.Schlicht, der Mitverfasser des am Freitag im Berliner Theater zur Aufführung gelangenden Schwanks „Tante Jette”, ist gestern in Berlin eingetroffen, um den letzten Proben und der Première beizuwohnen.
Im Berliner Theater, das sonst wohl den Schauplatz mittelalterlicher Kämpfe abgab, da Schild und Panzer unterm Speerhieb erklangen, ist jetzt das preußische Exerzier-Reglement an der Tagesordnung und Parademarsch, Griffe und Bajonettfechten werden dort mit heißem Bemühen erlernt. Dies Alles, um in der Novität „Tante Jette”, die am Freitag in Scene geht, den strengen Vorschriften der sachkundigen Autoren zu genügen und bei der Première auch vor dem verwöhnten Kennerauge mit Ehren zu bestehen.
In der Zeitung „Das kleine Journal” vom 17.September 1897 steht:
„Tante Jette”, die Novität des Berliner Theaters, geht heute in folgender Besetzung der Hauptrollen in Szene: Jette Drall, Clara Wenk; Kern, Schumachermeister, Ernst Formes; Mieze Kern, Emilie Schroth; Georg Kirschbaum, Hermann Schmelzer. In größeren Episoden sind beschäftigt die Herren Bassermann, Beck, Graul, Schefranek, Schindler sowie die Damen Lührssen und Salter. Die Verfasser des Schwankes H.v.Wentzel und Frhr. v.Schlicht haben den letzten Proben beigewohnt.
In der Zeitung „Das kleine Journal” vom 18.September 1897 steht:
Berliner Theater. Gestern zum ersten Mal: Tante Jette, Schwank in 4 Aufzügen von Hans v.Wetzel und W.v.Schlicht. Unsere Soldaten sind zu siegen gewöhnt, und weder sie, noch wir sind sonderlich überrascht, daß sie sich nun auch die Bühne vollständig erobert haben. Bisher traten hier die Soldaten nur vereinzelt auf. Vom Offiziersburschen aufwärts marschirten sie über die Bretter und unterhielten aufs beste das im Auditorium zu solchem militärischen Schauspiel wie zu einer Parade herbeigeeilten Publikum, dessen männlicher Theil meist aus ein- oder mehrjähriger Dienstzeit eine große Liebhaberei für die Uniform mitgebracht hat, während sich unter dem weiblichen Publikum Viele befanden, welche die in dreierlei Tuch gehüllten Gestalten mit offenem Wohlbehagen oder heimlichem Groll betrachteten, je nachdem sie dabei an die flottesten Walzer oder an die schmerzlichsten Herzenstäuschungen ihres Lebens dachten. Mit dem gestern zum ersten Mal unter dem Ziviltitel „Tante Jette” gegebenen Schwank haben die Herren Autoren die Majorität des Personals mobil gemacht, es wimmelt von Soldaten aller Rollengattungen und alle waren auf zahlreichen Proben vortrefflich gedrillt. Das Spiel war zum Korpsgeist, das Ensemble zur Disziplin geworden. Fast fiel es auf, daß der Souffleur nicht in einem Schilderhaus saß, das Aufziehen des Vorhangs nicht wie das Aufziehen der Wache unter Trommelschlag stattfand, bei Hervorruf nicht „Wache raus!” gerufen wurde. Und es wurde viel herausgerufen, die Novität hat einen großen Erfolg gehabt.
Es giebt kaum einen Schriftsteller, der wie Freiherr v.Schlicht berufen erscheint, ein Soldatenstück zu schreiben, oder, wie hier, an einem mitzuarbeiten. Unsere Leser kennen ihn aus unseren Feuilletons als einen humor- und geistvollen Schilderer des militärischen Lebens. Man merkt es seinen zahlreichen Werkchen an, daß er zugleich Schriftsteller und Offizier ist. Er trägt den Marschallstab eines ausgezeichneten Erzählers im Tornister, er ist einer derer von Moser, Winterfeld und Carl Hecker, er weiß den Humor des Soldatenlebens wie ein Goldgräber das Werthmetall aus dem Dunkel hervorzuholen. Er ist ein Erzähler von hervorragendem Genie und aus der Lebendigkeit seiner Darstellung und aus der Geschicklichkeit in der Gruppirung seiner feuilletonistischen Figuren war zu ersehen, daß er auch für die Bühne zu schreiben verstehe. Der Mitarbeiter des Herrn v.Schlicht, Herr v.Wetzel, ist wie dieser ein schriftstellernder Offizier und hat seine Begabung durch etliche dramatische Arbeiten dokumentirt, deren eine nächstens das Neue Theater aufführen wird. Der Schwank, den diese Schriftsteller gestern dem Repertoire und, wie es scheint, für längere Dauer lieferten, ist ein als Volksstück einsetzender Schwank, dessen erste Hälfte in der Provinzstadt spielt. Hier wird ein ehrsamer Schuhmachermeister in seiner Würde als Schützenkönig dadurch gekränkt, daß der Bräutigam seiner Tochter als Reservist heimkehrt und ihn als kundiger Thebaner auf dem Schützenfest von seinem hohen Ehrenposten verdrängt, indem er selber Schützenkönig wird. Nun verweigert er seinem Thronfolger die Hand seiner Tochter, worauf Bräutigam, Braut und deren Schutzgeist Tante Jette nach Berlin entfliehen. Dahin folgt ihnen der erboste Schuhmachermeister und nun wird der Schwank ein bunt militärischer, indem er uns das Leben und Treiben in der Kaserne und auf einem Ball der Kompagnie vorführt. Und Alles löst sich natürlich in Wohlgefallen auf, an dem auch das Publikum Theil nimmt. Die Autoren und Darsteller wurden nach dem dritten und vierten Akt mehrmals stürmisch hervorgerufen. Ohne Zweifel wird „Tante Jette”, soweit die allgemeine Wehrpflicht reicht, mit demselben guten Erfolg gegeben werden. Die Aufführung war eine vortreffliche, die schwierige Inszenesetzung eine gleiche Leistung des Herrn Georg Droescher. Die Titelrolle wurde von Frau Clara Wenk mit derben, aber durchaus der Rolle angemessenem Humor gegeben. Herr Ernst Formes machte aus dem groben und gutherzigen Meister Kern eine Volksfigur der besten Qualität in Erscheinung und Ton. Die Autoren konnten sich keinen besseren Vertreter wünschen. In der Episode eines verkommenen Menschen, Namens Birkhahn, leistete Herr Albert Bassermann das Außerordentlichste, für das ihn stürmischer Beifall belohnte. Er erzählt seine Lebensschicksale, und da er mittheilt, daß er sich auch als Clown im Circus zu ernähren versucht habe, zeigt er plötzlich der Tante Jette, die nicht weniger als das Publikum überrascht war, wie er auf den Händen herumspazirt sei und Purzelbäume geschlagen habe. Frl. Schroth als Mieze Kern, Herr Schmelzer als Reservist, Herr Graul als Barbier und Herr Droescher als Hauptmann spielten ihre Rollen mit vielem Eifer. Wenn das Theater ein eisernes Kreuz wegen Tapferkeit zu vergeben hätte, so müßten die Herren, welche die fünfte Kompagnie repräsentirten, mit demselben geschmückt werden. Das Theater war ausverkauft, das Publikum während des ganzen Abends in der heitersten Stimmung.
J.St.
In der Zeitung „Das kleine Journal” vom 21.September 1897 steht:
Freiherr v.Schlicht, der Mitverfasser des Schwankes „Tante Jette”, der im Berliner Theater soeben mit großem Erfolg zur Aufführung gelangt ist, wird in den nächsten Tagen im Verlag von Freund u. Jeckel (Carl Freund) die zweite Folge seiner Militärhumoresken „Aus der Schule geplaudert” erscheinen lassen. Wir machen schon heute unsere Leser darauf aufmerksam. Sicher wird auch dieser Band denselben Beifall finden, den die übrigen Schriften unseres beliebten Mitarbeiters in den weitesten Kreisen gefunden haben.
In der Zeitung „Das kleine Journal” vom 25.September 1897 steht:
Im Berliner Theater waren bei der letzten Wiederholung von „Tante Jette”, die ein sehr animirtes Publikum fand, mehrere auswärtige Bühnenleiter anwesend, welche den erfolgreichen Schwank sogleich für die Provinz erworben haben. In nächster Woche schon gelangt derselbe am Stadttheater in Lübeck zur Aufführung; ebenso hat Direktor Pollini das Stück bereits für Hamburg angekauft.
In der Zeitung „Das kleine Journal” vom 28.September 1897 steht:
Die „Tante Jette” des Berliner Theaters erwirbt sich immer neue Freunde. Auch heute geht der amusante Militär-Schwank wieder in Szene, der bei der letzten Sonntags-Vorstellung trotz des schönen Wetters vor gut besuchtem Hause gegeben wurde und das Publikum zu lebhaftem Beifall animirte.
In der Zeitung „Das kleine Journal” vom 13.Oktober 1897 steht:
Im Berliner Theater geht am Sonnabend [16.10.1897], statt der bereits angekündigten „Maschinenbauer”, der Militärschwank „Tante Jette” zum 12. Male in Szene. Die überaus günstige Aufnahme, welche das Stück am Sonntag[10.10.1897] und Montag[11.10.1897] dieser Woche wieder wieder gefunden, machte diese Änderung wünschenswerth.
In der Nr. 262 der "Frankfurter Zeitung" vom 21. September 1897 liest man:
Berliner Theater.
Aus Berlin, 20. September, wird uns geschrieben:
Die Militärvergnüglichkeit bildet ein besonderes Kapitel in unserem Theaterwesen. Im Augenblick kann man auf drei Berliner Bühnen zugleich Soldaten- und Kasernenszenen studiren, in den "Berliner Fahrten" des Centraltheaters, in der "Einberufung" des Residenztheaters und in der jüngsten Novität des "Berliner Theaters" "Tante Jette", von den Herren v.Wentzel und v.Schlicht. Bei den französischen Verfassern der "Einberufung" ist die Militärvergnüglichkeit allerdings mit Bitternissen gemengt. Durch den Spaß hindurch blickt man auf die Rauhheit des Dienstes. Es setzt ordentliche Püffe. Die deutschen Possenautoren neigen der Schönfärberei zu. Da wird die Kaserne wirklich beinahe zur Ferienkolonie, in der eitel Ulk gedeiht. So auch in der "Jette", die eine brave ledige Muhme vorstellt. Außer den Soldatenspäßen, die übrigens das Publikum in lebhaftes Gaudium versetzen, kommt nichts in dem Stücke vor, was irgendwem Kopfschmerzen bereiten könnte. Die Komödie wahrt sogar bei allem feurigen Militärenthusiasmus eine löbliche Objektivität. Ein Wort, das mir schon einmal bei einem Schauspiel der Frau Natalie v.Eschstruth begegnete, kehrt wieder. Es behauptet Jemand, daß ein Civilist so gut anständig sein könne, wie ein Soldat. Das soll nicht etwa durch Ironie wirken und Überhebungen kennzeichnen, es ist mit biedermännischer Treue und Erbaulichkeit vorgetragen; und für Erbaulichkeiten soll man in so gründlich schlechten Zeiten, wie die jetzigen sind, dankbar sein. So hat denn das Berliner Theater angefangen wie das Brudertheater des Herrn Prasch in Charlottenburg. "Joethe-Theater und Jettetheater", schrieb Heinrich Hart in der Täglichen Rundschau, "das ist Alles eins."
L.Sch.
Die Zeitschrift „Deutsche Bühnen-Genossenschaft” schreibt am 17.Sept. 1897 in ihrer Nr. 38, S.326:
Im Berliner Theater wird heute die Neuheit „Tante Jette” zum ersten Male gegeben. Von den beiden Verfassern des Schwankes, H.v.Wentzel und Frhr.v.Schlicht, ist der Letztere auf litterarischem Gebiete durch seine „Militärhumoresken” bereits rühmlichst bekannt, während H.v.Wentzel als Bühnenschriftsteller frühere Erfolge aufzuweisen hat; auch in Berlin wurde seiner Zeit am „Neuen Theater” ein Werk seiner Feder, „Deutsche Treue”, aufgeführt.
Am 24.Sept. 1897 liest man dann in der gleichen Zeitschrift, Nr. 39, S.333/334:
Im Berliner Theater hat die Soldatenkomödie „Tante Jette” von H.v.Wentzel und Frhr.v.Schlicht einen Heiterkeitserfolg gehabt. Das Milieu der Kasernenwelt war gut getroffen, und mancher Spaß verfehlte seine Wirkung nicht. Die Verfasser wurden wiederholt gerufen. — Für die nächste Woche wird wieder eine interessante Novität angekündigt, welche bereits bei der Probe-Aufführung am Stadttheater zu Lübeck einen starken Erfolg errungen, so daß das Werk in kurzer Zeit 15mal wiederholt werden mußte: „Das höchste Gesetz”, soziales Drama in 4 Akten von T. Szafranski.
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Besetzung bei der Aufführung im "Thalia-Theater", Hamburg: |
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Kern, Schuhmacher |
Herr Max |
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Wie aus der nebenstehenden Anzeige hervorgeht, war eine zweite Aufführung von „Tante Jette” für den Abend des 10.Okt. 1897 vorgesehen. Diese Aufführung wurde jedoch abgesetzt, stattdessen wurde „Die Stützen der Gesellschaft” gegeben. Hamburger Fremdenblatt vom 9.Okt. 1897: Thalia-Theater. Ueber den gestrigen Theaterabend ist kaum etwas Günstiges zu berichten. Gegeben wurde ein dreiactiger Schwank von Hans v. Wentzel und Frhrn. v. Schlicht, der den wenig geschmackvollen Titel „Tante Jette” trägt. Die ältliche Jungfer Jette Grell führt dem verwittweten Schuhmachermeister Kern den Hausstand und vertritt Mutterstelle an dem einzigen Kinde Mieze. Diese liebt einen schneidigen Unterofficier, Georg Kirschbaum, welcher das Unglück hat, auf dem Schützenfest in der kleinen Provincialstadt besser zu schießen als Meister Kern, welcher schon fünf Jahre hindurch Schützenkönig war und nun durch den Geliebten seines Töchterchens degradirt wird. Die Folgen sind schrecklich. Meister Kern, in seiner Eitelkeit tödtlich beleidigt, will von der Heirat Nichts wissen. Kirschbaum soll wieder zurück nach Berlin und beim Militär capituliren. Das thut er denn auch, und nun tritt Tante Jette auf und stiftet die Tochter an, heimlich ebenfalls nach Berlin zu gehen und dort einen Dienst zu suchen, denn „Liebende sollen sich immer nahe sein”. Die Flucht geschieht noch im ersten Act und als Meister Kern Das erfährt, wird er (wie mir scheint mit vollem Recht) sehr zornig, und läßt auch Tante Jette, die ihm die Leviten lesen will, nach Berlin ziehen. Der zweite Act spielt in Berlin, und zwar in einer Caserne. Hier empfängt Kirschbaum Tante Jette und seine Liebste, die in den Dienst bei seinem Hauptmann getreten ist. Aber auch Meister Kern kommt, und es wiederholen sich die aufregenden Scenen. Im dritten Act findet ein Soldatenball zu Ehren von Kaisers Geburtstag statt und hier wird die unangenehme Geschichte zu gutem Ende geführt. Nachdem sich die beiden Alten noch gegenseitig tüchtig die Wahrheit gesagt haben und der Hauptmann dem Meister Kern mitgetheilt hat, daß Kirschbaum ein sehr tüchtiger Unterofficier ist und demnächst Feldwebel werden soll, gibt er seine Einwilligung zur Verlobung und verlobt sich selbst mit Tante Jette. Diese Fabel ist von harmloser Einfachheit und nicht einmal wahrscheinlich. Trotzdem hätte sich aus ihr wohl etwas amchen lassen, wenn die Autoren den Charakter des Volkes ebenso gut studirt hätten, wie das Soldatenleben und die Caserne. Was dem Stücke das Genick brach, war die mangelhafte Lebenswahrheit der beiden Hauptfiguren Meister Kern und Tante Jette. Beide in ihrer rohen, derben Art sich zu geben und zu sprechen, ließen im Publicum keinerlei Sympathie aufkommen. Wie die beiden Personen sich miteinander unterhalten, war häufig geradezu abstoßend, nicht allein durch die triviale Derbheit ihrer Reden, sondern auch durch die Unwahrscheinlichkeit ihres Benehmens. Von dem braven und guten Herzen des Meisters Kern war vor der Schlußscene Nichts zu merken, und Tante Jette ist eine Figur, die völlig undefinirbar ist. Was an dem Stücke einzig und allein wirklich gefiel, waren die Soldatenscenen in der Caserne. Die in lebenswahrer Weise geschildeter Instructionsstunde, die Stiefel- und Hemdparade, die Abfütterung und manche kleine hübsch beobachtete Soldatenscherze riefen vorübergehend Heiterkeit hervor. Nach dem ersten Acte verhielt sich das Publicum reservirt, nach dem zweiten, welcher die Casernenscenen brachte, mischte sich in den Beifall schon Opposition und nach dem Schlußacte wurde, namentlich im Parkett und im ersten Rang, stark gezischt. Trotzdem ging der Vorhang zweimal in die Höhe und einer der Herren Autoren erschien sogar auf der Bühne. Das berührte ungemein peinlich. Wenn man hinter den Coulissen die Reden und Bemerkungen des schnell sich entfernenden Publicums gehört hätte, wäre dieser peinliche Auftritt vermieden worden. Es hat sich ja leider in den letzten Jahren die Gewohnheit im Thalia-Theater eingebürgert, daß selbst bei einem geringen Erfolge der Autor auf die Bühne hinausgeführt wird. Die höchste Auszeichnung, welche einem Autor zu Theil werden kann, wird durch dieses Gebahren profanirt, aber, daß Dies auch geschieht bei einem offenbaren Fiasco . . . . nun, ich bin begierig, was geschehen sollte, wenn wirklich einmal ein zweiter Shakespeare erschiene. Welche Auszeichnung wäre für Den gut genug? Von der kunstverständigen Leitung, die uns am Dinstag eine so treffliche Aufführung eines Ibsen'schen Stückes bescheerte, erwarten wir, daß sie von dieser geschäftsmäßigen und zur Trivialität gewordenen Auszeichnung der Autoren fernerhin Abstand nimmt. Die Autoren selbst sind schuldlos daran, denn sie selbst sind meistens in Folge der überstandenen Aufregung unfähig, zu entscheiden, ob der Erfolg ein so großer ist, daß es dem Publicum Freude machen dürfte, ihre persönliche Bekanntschaft zu machen. |
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Noch Verschiedenes kann man aus dem Fiasco dieses Stückes lernen. Es ist nicht gut, wenn man auf die Nachricht von dem Erfolge eines Stückes in Berlin hin, unbesehen die Novität auch für Hamburg erwirbt. Ich kenne die Darstellung und das Publicum des „Berliner Theaters” nicht, in welchem angeblich „Tante Jette” einen guten Erfolg davongetragen haben soll, aber die Ansprüche, welche man im „Berliner Theater” stellt, scheinen sehr geringer Art zu sein, jedenfalls viel bescheidener als man im Hamburger Thalia-Theater zu stellen gewohnt ist. Auf einer vorstädtischen Bühne hätte „Tante Jette” vielleicht gefallen. Sehr zu bedauern ist, daß auch der Name des Frhrn. v. Schlicht als Mitarbeiter genannt ist. Dieser liebenswürdige Humorist und Novellist, welcher sich durch seine kleinen Skizzen und Erzählungen einen angesehenen Namen erworben, hat sich offenbar auf ein Gebiet begeben, dessen er nicht Herr und Meister ist. Von der Darstellung ist vor allen Dingen zu sagen, daß sich alle Schauspieler große Mühe gaben, ihre Rollen zur Geltung zu bringen. Es ist schwer zu entscheiden, ob nicht hier und da die Derbheit im Spiele und im Dialoge, namentlich bei Fr. Gröger (Jette) und Herrn Max (Kern), hätte gemildert werden können. Die Figuren lebenswahr zu gestalten war ein Problem, das m.E. gar nicht gelöst werden konnte. Beide Künstler setzten ihr bestes Können ein und verdienen großen Lob. Die übrigen Rollen geben eigentlich keinen Anlaß zu großer schauspielerischer Kunstentfaltung. Die Damen, Hücker, Hay und Bergère, sowie die Herren Bozenhard, Schumann, Flashar, Peters, etc. spielten mit Eifer und guter Laune. Ganz vortrefflich wurde namentlich im zweiten Act die Ensemblescene in der Caserne gespielt. Es zeichneten sich neben den Herren Bozenhard und Peters namentlich die Herren Hallenstein, Brahm und Kent aus, welche scharfumrissene, humoristische Soldatentypen gaben. Herr Peters hatte das Stück mit vielem Geschick in Scene gesetzt. Oscar Riecke. | |
In seiner Autobiographie und in der Humoristischen Theater-Zeitschrift „Striese”(„Das schöne Stück”) schreibt Freiherr von Schlicht über das Volksstück „Tante Jette” und über die Uraufführung am „Berliner Theater”.
Und in der Humoreske „Pscht!”, veröffentlicht in dem Band „Excellenz kommt!” (Kürschners Bücherschatz Nr. 119, Hermann Hillger Verlag, Berlin-Eisenach-Leipzig, 1898) schreibt Schlicht selbst:
Ich habe so viel geliebt, daß ich mich eines Tages nicht mehr begnügte mit den Frauen und Jungfrauen, die da leben und weben, sondern daß ich mich eines Tages in ein Gebilde meiner Phantasie verliebte – und das Kind dieser Liebe war und ist die „Tante Jette”, die kürzlich im Berliner Theater aufgeführt wurde und seitdem eine ganze Reihe von Wiederholungen erlebt hat und hoffentlich auch noch erleben wird.
Man hat mich kürzlich aufgefordert, anzugeben, wie mir bei der Premiere zu Mut gewesen wäre.
Du großer Gott — wie war mir zu Mut! Nachmittags um sechs Uhr fühlte ich mein Ende nahen — ich ließ mir nicht den Beichtvater, wohl aber den Kellner kommen und bestellte Pilsener Bier — gut, aber viel. Nur dem Erfinder des Pilsener Bieres verdanke ich es, daß ich heute noch lebe. Als ich das ausverkaufte Haus sah, dachte ich: Was bleibt von dem ganzen Publikum übrig, wenn es auf einmal mitten während der Vorstellung aufsteht und hinausgeht? Im Geiste gähnte mich eine gähnende Leere an und ich stürzte hinter die Kulissen. Wie Marius auf den Trümmern von Karthago saß ich dort auf einer leeren Kiste: mir war zu Mut — nein, mir war gar nicht zu Mut —, meinen Mut hatte ich im Hotel in die Kommode eingeschlossen. Mir war ganz gewaltig bange, und wenn ich das fröhliche Lachen im Zuschauerraum hörte, dann dachte ich immer: „Herr Gott, sie lachen dich aus,” ohne zu bedenken, daß bei einem Schwank das Lachen doch die Hauptsache ist — na, und wenn ich etwas klatschen hörte, dann faßte ich mich an jene Körperstelle, auf der nur Akrobaten nicht sitzen, weil sie immer Kopf stehen, und dachte: „Wie wird es dir ergehen?” Was der Wentzel*) dachte, der mir von allen vier Wentzel der liebste ist, weiß ich nicht. So ging mir's bei der „Tante Jette”, bis freundlicher Beifall mir sagte: „Beruhige dich, die Gefahr ist überstanden.”
Froh und glücklich ging ich am Abend — oder war es am nächsten Morgen? — nach Haus, froh hauptsächlich darüber, daß am ganzen Abend im ganzen Theater nicht ein einziges Mal das Wort laut geworden ist, das jeder Autor am meisten haßt, das Wort: Pscht.
*) H. von Wentzel lebt als Hauptmann a.D. in Charlottenburg und widmet sich der Bühnenschriftstellerei: er ist der eigentliche Gedankenvater des gemeinsam verfaßten Schwankes: „Tante Jette”.
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© Karlheinz Everts