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Im bunten RockLustspiel in drei AktenvonFranz von Schönthan und Freiherr von Schlicht |
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Aufführungen am
31. Okt., 2., 4., 5., 6., 8., 9., 16., 17., 23., 29. Nov., 8., 17., 26. Dez. 1902, im Deutschen Schauspielhaus und am 18., 19., 21., 23., 27.Dez. 1913, 5., 25.Jan., 18.Feb., 8., 10., 17.Mai 1914 im Thalia-Theater zu Hamburg. |
Besetzungsliste der Aufführungen | ||||
| Deutsches Schauspielhaus 1902 u. 1903 | Deutsches Schauspielhaus 1904 | Deutsches Schauspielhaus 1906 | Thaliatheater 1913/14 | |
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Fabrikant Wiedebrecht.
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Ludwig Max |
Ludwig Max |
Ludwig Max |
Hermann Gotthardt |
„Hamburger Echo” vom 2.November 1902:
Deutsches Schauspielhaus.
K. Für das nothwendige Kassenstück, das ihm die Ausführung einiger geplanter künstlerischer Thaten, vor Allem einer Mustervorstellung des „Lear”, ermöglichen soll, hätte das Schauspielhaus jetzt ausgesorgt. „Im bunten Rock” heißt es und von den Herren Franz von Schönthan und dem Freiherrn von Schlicht ist es aufgezimmert. „Verzuckerter Moser mit Syrup,” meinte ein Kollege. Und so ist es. Der ganze Militärklimbim, den wir von Moser her gewohnt sind, erleben wir hier wieder. Das ganze Dienstreglement und einige Paragraphen dazu, lernen wir kennen, Kasernenhofblüthen hageln nur so, es werden „Griffe gekloppt”, Gewehrgeknatter, Alarmsignale und Kanonendonner machen einen Mordsspektakel und zum Schluß marschirt eine ganze Truppe mit Spielleuten, der mit vollen Backen tutenden Regimentskapelle und dahinter der „Herr Hauptmann” hoch zu Pferde an der Tête über die Bühne. Solchen ästhetischen Argumenten kann natürlich das zahlkräftigste Publikum nicht widerstehen, vor Allem, wenn ihm unter dem zum letzten Male fallenden Vorhange zwei frischverlobte Paare glückselig zulächeln.
Bei so wonnesamer Kunst fragt man nicht nach Karakteristik, nach psychologischer Möglichkeit, Logik oder sonst so überflüssigen Dingen. Man amüsirt sich, wenn der Sohn des Hauses als Einjähriger vor dem Bräutigam der Köchin, dem wetternden Sergeanten, stramm stehen muß, wenn die allerliebste Missis Anny Clarkson, die extra nach Europa gekommen ist, um sich für ihre neuerbaute Villa in New-York neben Kunstgegenständen aller Art auch einen Mann, einen Freiherrn, Prinzen oder Herzog, zu kaufen, so entzückend amerikanisch-deutsch radebrecht, oder wenn Ludwig Max als Fabrikant Wiedebrecht eine so überwältigend komische Mimik entwickelt. Weiß Gott, ich habe mitgelacht. Ich bin mir klar: es ist eine Schande. Aber ich glaube, ich würde wiederlachen, wenn ich mir die chose noch einmal vorexerziren lassen würde. Seien wir milde, milde und duldsam. Manches ist darin, das wirklich über Mosers Militärfrommheit geht. Ich meine da die gar nicht üble, freilich auch nicht allzu tiefe Verulkung des ewigen Flanirens, Nichtsthuns und Amüsirens der ganzen in Betracht kommenden Kreise, die wohl auf Konto des Freiherrn von Schlicht zu setzen ist. Amüsant ist auch die gut beobachtete Figur des blöden Assessors a.D. Es giebt solche Fragezeichen in jeder größeren Stadt. Kein Mensch weiß, wovon sie leben. Sie wissen es selbst nicht. Aber sie wissen sich überall unentbehrlich zu machen. In jeder „besseren” Gesellschaft führen sie den Kotillon an, sie engagiren die Lohndiener und stellen das Menu zusammen. Ganz heimlich, aber äußerst geschickt spielen sie die Rolle des längst seligen Amors. Ja ihre Thätigkeit geht weiter. Ist ein Korps- oder Verbindungsbruder niedergebrochen, so rangiren sie seine Verhältnisse und bei dieser Gelegenheit vielleicht auch die ihrigen. Mit einem Wort: sie sind nichts und doch Ungezählten unentbehrlich.
Amüsant ist auch der Divisionskommandör, der, weil eine Frau ihn bittet, mit einem ziemlich tölpelhaften Einjährigen einige Male leutselig die Front abschreitet, und der Oberst, Major und Hauptmann, die es ihrem Divisionär nachthun wollen und sich auch mit dem Einjährigen gemein machen, der nun plötzlich von allen Vorgesetzten wie ein rohes Ei behandelt und wider alle Vernunft befördert wird.
Solche, einige Satire athmende Momente sind mehrere drin, so daß man darüber einigermaßen wenigstens den Schönthan'schen Honigseim verdauen kann.
Max hatte das Stück mit recht vielem Geschmack in der äußeren Einrichtung inszenirt. Auch war er den vielen und nicht leichten Anforderungen in Bezug auf das Arrangement des militaristischen Theiles des Stückes bestens gerecht geworden. Fräulein Hönigsvald gab eine radebrechende amerikanische Missis mit viel Charme und prächtigem Humor, Burg einen Schwerenöther von Leutnant, der die Amerikanerin mit all' ihren Millionen gewinnt, Biensfeldt überaus humorvoll einen tölpelhaften Einjährigen und Matthaes mit drastischer Komik den die Köksch liebenden Sergeanten. Brillant war Wieskes Assessor und auch dem schon oben genannten Wiedebrecht von Ludwig Max mag nochmals Ehre widerfahren. In der Rolle der kleinen militärfrommen Naiven stellte sich Fräulein Clara Kollendt vom Berliner Lessing-Theater vor. Als die junge, reizende Dame eine anfängliche Schüchternheit überwunden hatte, spielte sie ihr resolutes kleines Mädel mit großer Frische, Natürlichkeit und Bravour. Ihre künstlerischen Qualitäten kann man nach dieser Rolle freilich nicht endgültig beurtheilen. Erhebliches Talent offenbarte sich aber zweifellos. Es wäre zu wünschen, wenn das Schauspielhaus endlich die so sehr entbehrte muntere Naive in der jungen Künstlerin gewonnen hätte.
Brauche ich noch zu sagen, daß im Zuschauerraum Hurrahstimmung herrschte, daß der Vorhang sich immer und immer wieder heben mußte? Ich brauche es nicht zu sagen. Man kennt sein Publikum. Lassen wir es. Und hoffen wir auf die bevorstehenden künstlerische Großthaten der Bühne.
![]() „Hamburger Echo”vom 13.2.1906 |
![]() „Hamburger Echo”vom 2.9.1906 |
„Hamburger Fremdenblatt” vom 28. Oktober 1902:
Deutsches Schauspielhaus. Für Freitag ist die Erstaufführung des dreiactigen Lustspiels „Im bunten Rock” von Franz v. Schönthan und Freiherrn v. Schlicht angesetzt. Das Stück wurde vor Kurzem im Berliner Kgl. Schauspielhause und im Wiener Deutschen Volkstheater mit durchschlaggendem erfolge gegeben und erzielt seither ununterbrochen ausverkaufte Häuser.
„Hamburger Fremdenblatt” vom 30. Oktober 1902:
Deutsches Schauspielhaus. Für Freitag ist die Première von Schönthan's und Schlicht's Lustspiel „Im bunten Rock” angesetzt. An den folgenden Tagen wird „Im bunten Rock” Sonntag-Abend, Dinstag, Mittwoch, Donnerstag und Sonnabend gespielt. Gelegentlich der Erst-Aufführung von v. Schönthan' und Freiherr v. Schlicht's dreiactigem Lustspiel „Im bunten Rock” wird sich Fräulein Clara Kollendt vom Lessing-Theater in Berlin in der Rolle der Betty v. Hohenegg als Gast dem Hamburger Publicum vorstellen. Genannte Künstlerin absolvirt am Deutschen Schauspielhause ein auf Engagement abzielendes Gastspiel.
„Hamburger Fremdenblatt” vom 2. November 1902:
Feuilleton.
Deutsches Schauspielhaus.
(„Im bunten Rock”)
Der gestrige Abend im Deutschen Schauspielhause erinnerte lebhaft an die vergnügten Abende im Thalia-Theater vor vielen, vielen Jahren, als der stets schaffensfreudige und lustige v. Moser, allein oder unter Mithülfe bewährter Theaterdichter, seine erfolgreichen Militärstücke schrieb. Großen künstlerischen und literarischen Werth schrieb man diesen Stücken schon danals nicht zu, aber es soll dem Altmeister des deutschen Schwankes unvergessen bleiben, daß er den deutschen Officier aus jenem Gitterkasten trivialen Humors erlöste, in welchen ihn die damaligen Witzblätter eingelocht hatten. Die großen Kriege hatten uns den sittlichen Werth des Volksheeres und namentlich auch seiner berufsmäßigen Officiere ins Bewußtsein zurückgerufen und die Hochachtung und Bewunderung des deutschen Mannes im bunten Rock spiegelten sich auch deutlich in Moser's Militärfiguren wieder. Der läppische „Fliegende Blätter-Leutnant” wandelte sich in den Typus des braven lustigen Officiers um, der auch in den fatalsten Situationen seinen Humor nicht verliert, weil er stolz sein kann auf seinen Beruf und auf die allgemeine Anerkennung seiner Verdienste. In Moser's „Veilchenfresser” wurde fortan der dramatische Typus für diesen zwar leichtsinnigen, aber braven Officier, dem die Ehre das Höchste ist.
Unmittelbar an jene Moser'schen Lustspiele knüpft das dreiactige Lustspiel „Im bunten Rock” von Schönthan und Frhrn v. Schlicht an. Franz v. Schönthan war schon damals einer der eifrigsten und glücklichsten Mitarbeiter Moser's und Frhr. v. Schlicht (Wolf Graf v. Baudissin) hat sich neuerdings als ein ungemein witziger Humorist, dessen Specialität Militärschwänke sind, bewiesen. Bei zwei so sachverständigen Autoren ließ sich voraussehen, daß sie die alte gute Tradition in Militärlustspielen wahren und manches Neue hinzufügen würden. Ein Kunstwerk ist das Lustspiel „Im bunten Rock” sicherlich nicht, dafür fehlt dem Stück die fest gefügte Handlung, welche sich auf einer originellen Idee aufbaut und entwickelt, aber es ist ein geschickt und mit frischem Humor zusammengeworfenes Conglomerat lustiger Einfälle, amüsanter Situationen, drolliger Charakterfiguren und spaßiger Zustandsschilderungen aus dem Militär- und Casernenleben, die den Civilisten, weil er fern vom Schuß ist und nur die bunte Außenseite sieht, sehr ergötzen. So war denn das Publicum, welches das Haus fast bis auf den letzten Platz füllte, auch gestern in ungemein fideler Stimmung, die im letzten Acte anfangs etwas abzuflauen schien, dann aber zum Schluß bei einem prunkvollen Aufmarsch mit einem Hauptmann zu Pferde sich schnell wieder vollständig herstellte.
Ueber den Inhalt will ich nur Weniges mittheilen. Das läuft Alles so wild durcheinander, daß man den einen Eindruck über den andern vergißt. In den ersten beiden Acten spinnt sich als rother Faden die lustige Liebesgeschichte einer reichen amerikanischen Wittwe Missis Clarkson, die bei ihrem Onkel, dem Fabrikanten Wiedebrecht, zu Besuch weilt, und dem schneidigen Husarenleutnant Victor v. Hohenegg ab. Die in drolliger Weise deutsch radebrechende schöne Amerikanerin hat sich in Amerika ein durchaus modisches mit lauter deutschen Kunstgegenständen und Antiquitäten ausgestattetes Heim errichtet und ist nach Deutschland gekommen, um einen passenden Gatten für ihre „Menage” zu suchen, natürlich einen Fürsten oder gar einen Herzog. Aber obgleich sie von solchen hohen Persönlichkeiten umschwärmt wird, kann sie den Attacken des schneidigen Leutnants v. Hohenegg, der nichts als Schulden hat, nicht widerstehen, und nach einigen Mißverständnissen, die nicht ernst gemeint sind und sich bald in Wohlgefallen auflösen, wird aus dem Flirt echte Liebe, die zum Traualtar führt. Im dritten Act tritt das Liebespaar zurück und ein zweites in den Vordergrund: Der etwas begriffsstutzige, aber gutmüthige Sohn Hans des Fabrikanten Wiedebrecht mit der hübschen und energischen Jugendgespielin Betty v. Hohenegg. Lustige militärische Schattenbilder und Bonmots, die den kaustischen Witz v. Schlicht's verrathen, sind überall eingestreut. Mehrfach erscheint Militär auf der Bühne und hinter den Coulissen hört man Fanfaren und Musik und den schweren Tritt der Soldaten. Es ist Alles gethan, um die „militärische Stimmung” im Publicum wachzuerhalten. Die Regie des Herrn Max nutzte alle Fingerzeige der Autoren aus, um prachtvolle Bühnenbilder zu schaffen. Das Zusammenspiel war lebhaft und verlief im Allgemeinen sehr flott und ohne Störung.
Man merkte allen Darstellern an, daß sie mit Lust und Liebe spielten. Frl. Hönigsvald gab die amerikanische Missis mit dem ganzen Charme ihrer Persönlichkeit und in drei prachtvollen Toiletten, die, wenn sie allgemein getragen würen, den Sieg der Reformkleider sehr in Frage stellen dürften; Herr Eugen Burg war ein schneidiger Husarenleutnant und Liebhaber; Herr Ludwig Max gab den philiströs bürgerlich gefärbten, ewig aufgeregten Fabrikanten Wiedebrecht mit unwiderstehlicher Komik und Herr Paul Biensfeldt schuf aus dem etwas begriffsstutzigen Hans eine drollige Charakterfigur. Als neu in das Ensemble eingetreten, repräsentirte sich Frl. Clara Kollend als Betty. Anfangs etwas befangen, gewann sie doch schnell die volle Sicherheit einer routinirten Schauspielerin, als sie merkte, daß ihr Humor lebhaften Anklang im Zuhörerraum fand. Elegant und mit feiner Komik spielte Herr Wieske einen entgleisten Assessor, der sich auf Allerweltsgeschäfte (Specialität: discrete Heiratsvermittlung) geworfen hat. Mit realistischer Derbheit stellte Herr Matthaes einen komisch gehaltenen Sergeanten auf die Beine. Herr Otto Röhl imponirte als Excellenz General durch seine stattliche Erscheinung und gutes Spiel. Unter dem neunköpfigen Dienstpersonal der Familie Clarkson-Wiedebrecht thaten sich namentlich die kokette französische Zofe des Frl. Ferida, die brave Wirtschafterin der Frau Hachmann-Zipfer, das Kammermädchen Frl. Warg, der aufmerksame Diener des Herrn Blöcker und die Köchin des Frl. Berken hervor. Der letzteren jungen Dame, die häufig in derben Dienstbotenrollen mit Erfolg auftritt, möchten wir nur etwas mehr Mannichfaltigkeit in ihren Bewegungen anrathen, da ihre Komik sonst leicht monoton wird. Auch die übrigen Mitwirkenden in ganz kleinen Rollen thaten ihre Pflicht und Schuldigkeit.
Das Publicum spendete nicht nur nach den Actschlüssen lebhaften Beifall, sondern applaudirte auch mehrfach bei offener Scene, namentlich dem Fräulein Hönigsvald. Die Novität, welche das Unterhaltungsbedürfniß so erschöpfend wie möglich befriedigte, dürfte sich längere Zeit auf dem Spielplan erhalten.
Oscar Riecke.
„Hamburger Fremdenblatt” vom 25. Januar 1903:
Deutsches Schauspielhaus.
(Gastspiel des Frl. Parenna.)
Das Schönthan-Schlichtsche Lustspiel „Im bunten Rock” übt trotz der langen Reihe von Aufführungen, die es seit seiner Première erlebt hat, noch immer eine sehr starke Anziehungskraft aus. Gestern war das Haus wieder nahezu ausverkauft, und das Publikum amüsierte sich vortrefflich. Die geschickte Mache, welche das militärische Element in so glücklicher und lustiger Weise den „Zivilisten” gegenüberstellt, die zahlreichen überaus dankbaren Rollen und der nicht gewöhnliche witzige Dialog erfreuen auch bei einem zweiten Besuch, zumal wenn die Darstellung so lebendig ist, wie im Deutschen Schauspielhause.
In dieses flotte Ensemble als Gast einzutreten und sich von ihm fortreißen zu lassen, ist keine leichte Aufgabe. Dazu gehört Temperament und Bühnenroutine. Ueber beides verfügt die junge Schauspielerin Frl. Elsa Parenna, welche dieser einzigen Vorstellung wegen von Nürnberg hierhergereist ist. Wie mir bekannt geworden, hat die junge Künstlerin die Rolle der militärlustigen Offizierstochter Betty v. Hohenegg gestern überhaupt zum ersten Male gespielt, aber man sah ihr dies kaum an. Merkbare Spuren von Befangenheit waren nicht vorhanden, wenn man nicht eine gewisse Ueberanstrengung des an sich nicht sehr kräftigen Organs darauf zurückführen will. Fräulein Parenna verfügt über Schalkhaftigkeit und eine gewisse Strammheit im Temperament, dann und wann pointierte sie zu viel; hier und da wagten sich auch einige provinzielle Manieren hervor. Im großen und ganzen aber gefiel sie dem Publikum sehr gut, und ein nicht geringer Teil des Beifalls, mit dem die Hauptdarsteller, namentlich Frl. Hönigsvald, Herr Burg und Herr Max, überschüttet wurden, galt auch ihr. Wenn dieses Gastspiel zu einem festen Engagement führen sollte, würde das Schauspielhaus ein junges bildungsfähiges Talent erwerben, welches das Fach der Naiven mit der Zeit gut ausfüllen dürfte.
O. R.
„Hamburger Fremdenblatt”, Hamburg, vom 20.Dezember 1913:
Thalia-Theater
Im bunten Rock. Also auch wehmütig, fast feierlich kann Schönthan stimmen? Man spürte das gestern im Thaliatheater, das den Manen des kürzlich Verstorbenen in pietätvoller Weise eine Gedenkvorstellung widmete. Der „bunte Rock” als Seelenmesse? Als der Vorhang aufgegangen war, hielt freilich keine Trauermiene mehr stand. Der Mitvater der Komödie, Freiherr von Schlicht, hat kürzlich irgendwo mit wehmütigem Humor geschildert, wie sie gedeichselt wurde; welch strammes Regiment der geriebene Bühnentechniker führte und wie ernst er seine Heiterkeiten nahm. Er, als früherer preußischer Offizier, ist gewiß an Disziplin gewöhnt; Schönthan aber zwang ihn zu einer Regelmäßigkeit des Dienstes, die alle Schauder des Arrestes über ihn verhängte und jeden Witz und jede tolle Situation mit einer Gründlichkeit behandelte, die aller einstigen Instruktionsstunden spottete. Gewiß, Herr von Schönthan verstand sein Metier, kannte das Publikum und wußte es auf eigene Art zu vergnügen, nicht sehr wählerisch in den Mitteln, wenn sie nur wirkten, und nicht eben ängstlich, wenn er nur lachen machte. Das gilt auch von diesem Lustspiel, in dem ein preußischer Husarenleutnant eine reiche Amerikanerin kapert. Ihm freilich sitzt der bunte Rock wie angegossen, während er anderen zur Zwangsjacke werden kann, besonders wenn man nur ein „schlichter” Einjähriger ist. Gleichwohl erobert sich auch dieser nach mancherlei Ärgernissen seinen Schatz. Das alles bereitet dem Publikum großes Vergnügen, von dem man sich nicht auszuschließen braucht, weil es gar keine Prätensionen macht und durchaus anständig, sauber und geschickt vorgeführt wird - ein Lob, das man auch auf die Inszenierung des Herrn Flashar ausdehnen darf und das nicht minder der flotten Darstellung gebührt. Herr Hardel als Leutnant war so keck und schneidig, daß man sich angesichts seiner Leistung mit Vergnügen an Bismarcks Lob der preußischen Leutnants erinnerte; Frl. Torrens hingegen gab ihrer amerikanischen Missis ein so drollig-feines Relief, daß sie zugleich sehr anmutig und sehr belustigend wirkte. Aber auch der Einjährige des Herrn Möller fand sich mit großem Geschick in seine Ungeschicklichkeiten und Frau Bach-Clement war eine sehr niedliche preußische Offizierstochter. Neben ihnen erschienen Herr Gotthardt als harmlos-tölpelhafter Fabrikant, Herr Werner als ewig vergnügter Assessor, Herr Kobler als elegisch-strammer Divisionskommandeur, Herr Hallenstein als polternder Sergeant, und sie alle machten dank ihrer charakteristischen Leistungen viel Glück. Auch die kleineren Rollen, mit denen die Damen Ferron, Lorenz, Hofmann, Lobe, die Herren Grill, Goebel, Kraack und Wallfried betraut waren, trugen das ihre zu dem Erfolge bei, der sich in den lebhaftesten Beifallskundgebungen äußerte.
„Der Humorist” vom 10.Nov. 1902:
Nicht minder erfolgreich war die Première von „Im bunten Rock”, der nicht eben hervorragend originellen Compagniearbeit von Schönthan und Schlicht. Sie gab vor Allem unserem Max Gelegenheit, nach längerer Pause sich dem Publicum in einer ihm gut liegenden Rolle zu zeigen. Sein humorvoller Papa Wiedebrecht reiht sich vollwertig den übrigen Leistungen dieses Genres an, für welches Herr Max geradezu prädestinirt erscheint. Der Künstler verstand es, und das ist nicht das geringste Verdienst, das Alberne, das dieser Figur im Allgemeinen anhaftet, liebens wr ürdig zu mildern und ihr dadurch eine größere Lebenswahrheit zu verleihen, als ihr die Autoren mitgegeben haben.Fr. Collendt, vom Lessing-Theater, gab den fidelen Backfisch von Officierstöchterlein mit reizender Munterkeit. Frl. Hönigswald war bezauberndals emanzipirte englische Miß, voll Pikanterie und Anmuth. Einen schneidigen Husarenofficier, direct nach der Natur genommen, bis in's Kleinste echt, gab Herr Burg, ebenso echt, sogar was den in den Nacken gestülpten Generalshelm anlangt, war Herr Röhl als Divisions–Commandeur, und drastisch–komisch Herr Biensfeldt als wenig begabter Einjähriger. Herr Matthaes als martialischer Unterofficier, Frl. Ferida als sehr appetitliche französische Kammerzofe und Herr Wieske, als decadenter Baron und Heiratsvermittler, trugen ebenfalls durch temperamentvolles Spiel zum Gelingen bei. Repertoiresorgen hat das Schauspielhaus vorderhand jedenfalls nicht!
Hans Stangenberger
„Bühne und Welt” 5.Jahrgg. 1902/03 S. 174:
Das Schauspielhaus hat jetzt recht glückliche Tage. Es hat in „Monna Vanna” einen litterarischen und in Schönthan-Schlichts „Bunten Rock” einen pekuniären Schlager gewonnen und ist damit auf lange der Repertoiresorgen und der Experimente mit neuen Stücken ledig.
„Bühne und Welt” 5.Jahrgg. 1902/03 S. 260:
Das Schauspielhaus bringt nach wie vor wenig Premieren heraus. Es nutzt den Erfolg von „Monna Vanna” und „Im bunten Rock” aus, führte zwischendurch Fuldas „Kaltwasser” auf und . . .
„Bühne und Welt” 5.Jahrgg. 1902/03 S. 577:
Das Deutsche Schauspielhaus kann sich zur Zeit vor Erfolgen kaum retten. „Monna Vanna” und der „Bunte Rock” waren noch lange nicht ausgespielt, da kam der große künstlerische und Kassenerfolg von „Electra” und „Salome” und gleich hinterher „Der blinde Passagier” und „Das Thal des Lebens”.
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© Karlheinz Everts